RHEINGOLD ist ein
Film über einen Zug und über die Landschaft zwischen Düsseldorf
und Basel, durch die er fährt. RHEINGOLD ist die Geschichte einer
Leidenschaft zwischen zwei Menschen, die sich nur mit diesem Zug erfüllen
kann. Eine 5 Stunden und 15 Minuten lange Fahrt, auf der es an diesem Tag
zu einer dramatischen Auseinandersetzung kommt. RHEINGOLD ist der erste
Spielfilm, der ausschließlich in einem fahrplanmäßig verkehrenden
Zug gedreht wurde. Auf der Strecke von Düsseldorf nach Basel im Trans-Europ-Expreß
"Rheingold". Dieser Film wird dem Genre der "Eisenbahnfilme" in seiner
absoluten Form nicht nur ein weiteres Beispiel hinzufügen. RHEINGOLD
will einen neuen Maßstab setzen. (Pressemitteilung
1978)
DREHZEIT
Die Dreharbeiten fanden
in einem von der Deutschen Bundesbahn angemieteten TEE-Abteilwaggon statt.
In München wurde er für die Aufnahmen technisch ausgerüstet.
Am 4. August 1977 um 9.15 Uhr ist er erstmals in Emmerich an den TEE 7
"Rheingold" angehängt und um 15.36 Uhr in Basel SBB wieder abgekoppelt
worden. Am nächsten Tag dasselbe mit dem Gegenzug, dem TEE 6, 14.32
ab Basel SBB, Ankunft in Emmerich 20.36. Und so weiter. Am 27. August die
letzte Fahrt am "Rheingold". Anschließend das Abfahren der Außenmotive
bis 10. September. 19.-25. September Zugpassagen von außen. Dann
1. und 6. Oktober die letzten Aufnahmen.
Der
Vorspann
Am
15. Mai 1928 fuhr der
berühmteste
Expresszug der
Deutschen
Reichsbahn erstmals
zwischen
Hoek van Holland und
Basel.
Da er auf seiner Fahrt
grösstenteils
dem Rheinlauf folgte,
wurde
ihm in Anlehnung an
die
bekannte Sage der Name
"Rheingold"gegeben.
Mit
seinen violett/elfenbeinfarbenen
Pullman-Wagen
war er bei jedem Halt
eine
Sensation, und nicht selten
erwarteten
ihn die Menschen
unterwegs
an den Geleisen
und
winkten ihm zu.
Seit
1965 ist die legendäre Strecke
nun
Teil des europäischen TEE-Netzes.
Heute
ist die Fahrzeit um drei
Stunden
kürzer. Aus dem Violett
der
Wagen ist Rot geworden, aber
der
Name ist geblieben.
Noch
immer bedeutet dieser Zug
den
Reisenden mehr, als mit ihm
nur
von einer Stadt in die andere
zu
gelangen.
(Film-Vorspann)
Die
Geschichte
Der Trans-Europ-Express "Rheingold" verkehrt
täglich zwischen Hoek van Holland und Genf. Bereits seit Jahrzehnten
ist er eine Legende. Nicht nur deshalb weil ein Teil seiner Strecke dem
Rheinlauf folgt, sondern auch, weil sich mit diesem Namen eine seltsame
Mischung aus Mythologie und Luxus verbindet. Für Elisabeth Drossbach hat dieser
Zug jedoch noch eine ganz andere Bedeutung. Nur in und mit ihm konnte sich
nämlich die leidenschaftliche Beziehung zu einem Schulfreund entwickeln.
Ihre Sexualität wurde vom Fahrplan bestimmt. Ihre regelmäßigen
Reisen von Genf zu ihrer Mutter nach Düsseldorf waren der Anlaß.
Wolfgang Friedrichs wiederum schätzt die ungebundene Arbeitsweise
eines Minibar-Kellners. Vor allem aber liebt er das Ambiente einer Welt,
welches ihn bereits als Kind zu einem Eisenbahn-Fan werden ließ.
Von Anbeginn an hatte das Fahren auf Schienen auch einen stark erotischen
Aspekt - der "Rheingold" war seine Erfüllung. Als Elisabeth diesmal in Düsseldorf
in Richtung Genf einsteigt, weiß sie, daß sie Wolfgang zum
letzten Mal sehen wird. Sie will nämlich ihrem Mann, der als UNO-Diplomat
versetzt wird, nach New York folgen. Aber Elisabeth schafft es nicht wirklich,
Wolfgang das Ende ihrer Beziehung klar zu machen. Im Gegenteil, wieder
schlafen sie im fahrenden Zug miteinander. Doch bereits in Bonn nimmt die
Reise noch einen ganz anderen Verlauf: Elisabeths Mann steigt überraschend
zu und sieht seine Frau nur Sekunden in einer verfänglichen Situation.
Mit aller Entschiedenheit offenbart er sich und nimmt mit Elisabeth in
einem anderen Abteil Platz. Die Sache scheint ausgestanden... Ein harmloses
Geschenk von Elisabeths Mutter jedoch wandelt sich langsam zu einem zitternden
Mordinstrument. Plötzlich ist dieser Brieföffner in Drossbachs
Hand und stößt auf die lesende Frau ein! Beim nächsten Halt verläßt
Drossbach fluchtartig den Zug. Doch noch am Bahnhof nimmt er ein Taxi und
rast hinter dem "Rheingold" her. Elisabeth Drossbach verblutet innerlich.
Sie weist jede Hilfe von sich und versucht, ihren Zustand - auch vor Wolfgang
- zu verbergen. In fiebrigen Bildern läuft nun mehr und mehr ein Lebens-Film
ihrer Beziehungen ab, immer stärker wird die Sexualität vom Tod
überlagert - wird der Zug zur Zeitmaschine... Tatsächlich erreicht
Karl-Heinz Drossbach in Freiburg wieder den Zug, aber Elisabeth kennt ihren
Mann nicht mehr. Als der "Rheingold" in Basel ein letztes Mal den Rhein
überquert, stirbt sie.
Die
Bilder
-
Die
Film-Fahrzeuge
Baureihe E 03-(Neubau-DB)-DB-103
Vorserientyp
Achsanordnung
Co'Co'
Treibrad-O
1250 mm
Laufrad-O
- mm
Höchstgeschwindigkeit 200** km/h
Stundenleistung 6420/7780* kW
bei Geschwindigkeit
200/181* km/h
Dauerleistung 5950/7440*
kW
bei Geschwindigkeit
200/191* km/h
Anfahrzugkraft 32 000/31 800* kp
Stundenzugkraft
11 800 kp
Dauerzugkraft 10 900'/14 300*
kp
Länge über Puffer
19500/20200 mm
Dienstlast
110/114* Mp
Reibungslast
110/114* Mp
Achslast max.
18,6/19,0* Mp
Leistungskennziffer
59,5/65,3* kW/t
Stromsystem
162/3 Hz, 15 kV
Anzahl der Motoren
6
Antrieb
SKH'/HVA
Steuerung
St
Anzahl der Dauerfahrstufen
39
Transformator
4750/6250* kVA, OFU
Indienststellung
1965/1970*
* Lokomotiven ab 103 101
** Lokomotive 103 118 = 250 km/h
Betriebsnummern:
E 03 001-004, 103 101-227
.
Serienausführung
Die bisher schnellsten und stärksten Elektrolokomotiven
der Bundesbahn wurden für die Beförderung moderner TEE- und F-Züge
entwickelt. Die Konstruktion ist eine Gemeinschaftsarbeit des BZA München
und der Firmen Henschel und SSW. Der aus Leichtmetall-Bauteilen geschweißte
Lokomotivkasten ist mit dem Brückenrahmen verschraubt, der als Stahlblech-Schweißkonstruktion
ausgeführt ist.Für die federnde und seitenbewegliche Abstützung
des Aufbaus sind auf jedem Längsträger der dreiachsigen Drehgestelle
über dem mittleren Radsatz je 4 Schraubenfedern eingebaut. Die Lokomotiven
03 001 und 003 haben einen Verzweigerantrieb mit Gummidrehfeder und zweiseitigem
Stirnradantrieb erhalten, die beiden anderen Maschinen einen Gummiring-Kardanantrieb
mit einseitigem Stirnradgetriebe. Für Reisegeschwindigkeiten von 200
km/h mußten besondere Sicherheitseinrichtungen geschaffen werden.
Hierzu zählen mehrere voneinander unabhängige Bremssysteme und
eine Linienzugbeeinflussung. In den nächsten Jahren sollen insgesamt
200 Lokomotiven der Baureihe E 03 beschafft werden. Am Ende des Jahres
1972 waren bereits 114 Maschinen der Reihe 103' geliefert, deren äußeres
Bild durch eine zweite Reihe Lüftungsgitter gekennzeichnet ist. Ab
der Betriebsnummer 103216 haben die Lokomotiven eine LüP von 20200mm.
Presseheft zur Uraufführung im Wettbewerb der
Internationalen Filmfestspiele Berlin 1978
Mit Genehmigung der Franckh'schen Verlagsbuchhandlung,
Stuttgart, entnommen aus:
Taschenbuch Deutscher Elektrolokomotiven
von Horst J. Obermayer, 1976
Taschenbuch der Eisenbahn, Bd. 1 Fahrzeuge und Bahntechnik
von Horst J. Obermayer, 1977
Gattung
Avümz 111.1
Die Schnellzugwagen der Gattung Avümz sind für
den Einsatz in lokomotivbespannten TEE- und Fernreisezügen mit einer
zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h gebaut worden.
Neben neun besonders geräumigen Fahrgastabteilen mit insgesamt 54
Sitzplätzen sind zwei Toiletten, zwei Vorräume und ein Seitengang
vorhanden. Die 26,4 m langen Wagen haben Drehgestelle der Bauart Minden-Deutz
erhalten. Als besondere Neuerungen bei den letzten Lieferserien sind die
aus Leichtmetall gefertigten Schwenkschiebetüren. Die ersten Wagen
der Vorausbauart 111 entstanden bereits im Jahr 1969, sie alle zeichnen
sich durch einen hohen Ausstattungs- und Fahrkomfort aus.
Gattung
Apümh 121
Mit den Wagen Apümh 121 und 121.1 schuf die deutsche
Fahrzeugindustrie im Jahr 1971 den Typ eines neuen Großraumwagens
für den TEE-Verkehr und für Fernschnellzüge im Internationalen
Festlandverkehr. Nahezu alle der 26,4 m langen Wagen sind für eine
Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h zugelassen. In dem besonders geräumigen
Fahrgastabteil befinden sich insgesamt 48 Sitze in der Anordnung 2+1 mit
Mittelgang. An den Stirnwänden sind geschlossene Gummiwulstübergänge
angeordnet. Eine am Langträger angebrachte Schürze schützt
und verdeckt die Geräte unter dem Wagenboden. Eine moderne Beleuchtungs-
und Klimaanlage erhöhen den Reisekomfort.
Gattung
WRümh 132
Die Speisewagen mit der Bauartnummer 132 sind für
den Einsatz im nationalen und im internationalen Fernreiseverkehr gebaut
worden. Bereits im Jahr 1962 entstand eine Vorserie mit fünf Exemplaren.
Für den Einsatz in TEE-Zügen hat die Wagengattung einen Anstrich
in den Farben Rot/Beige erhalten, in normalen Fernschnellzügen fahren
die Wagen in roter Lackierung. Die Fahrzeuge besitzen zwei Speiseräume
mit zusammen 42 Sitzplätzen, einen Wirtschaftsteil mit Büfett,
Küche und Spülraum. Bei den ersten Wagen betrug die Länge
noch 26.4 m, alle anderen sind 27,5 m lang, alle sind mit Drehgestellen
der Bauart Minden-Deutz ausgestattet.
Gattung
ARümz 211
Sie zählen zu den jüngsten TEE-Fahrzeugen der
Deutschen Bundesbahn. Im Jahr 1971 konnten die ersten dieser Halbspeisewagen
in Dienst gestellt werden. Zu den Besonderheiten dieses Wagentyps zählt
der Dachstromabnehmer. Während des Stillstandes des Wagens kann je
nach den örtlichen Verhältnissen die elektrische Energie aus
der ortsfesten 1000 V-Vorheizanlage, oder aus dem Fahrdraht über den
Stromabnehmer und den Dachtransformator entnommen werden. Die Wagen sind
für eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h zugelassen und haben
Minden-Deutz-DrehgestelIe. In einem Großraumabteil finden 18 Reisende
Platz, der Speiseraum weist insgesamt 30 Sitzplätze auf.
Gattung
ARümh 217
Der Wagentyp ARümh 217 ist für den Einsatz
in Schnell-, Fernschnell-, IC- und TEE-Zügen im innerdeutschen und
im internationalen Verkehr entwickelt und ab 1966 geliefert worden. In
einem Großraum sind 18 Sitzplätze vorhanden, im Speiseraum sind
es 30 Plätze. Zu den Wirtschaftsräumen zählen ein Spülraum,
die Küche, ein Büfett und ein Personalwaschraum. Zum Beladen
mit Vorräten sind im Wirtschaftsteil zwei Schiebetüren in die
Außenwände eingesetzt. Der Wagen mit einer Länge über
Puffer von 27500 mm fährt auf Drehgestellen der Bauart Minden-Deutz,
mit Geschwindigkeiten bis zu 160 km/h. Die Innenausstattung ist sehr geschmackvoll
und komfortabel.
Gattung
ADümh 101
Diese Fahrzeuge wurden in den Jahren 1962 und 1963 als
Aussichtswagen für den "Rheingold" in Dienst gestellt. Neben zwei
besonders geräumigen Fahrgastabteilen mit 12 Sitzplätzen, verfügen
die Wagen im Oberdeck über ein Schreibabteil und über einen Aussichtsraum
mit 22 Sitzplätzen. Im Unterdeck befinden sich außer einer Bar
mit 15 Sitzplätzen auch noch zwei Toiletten, ein Maschinen-, ein Post-
und ein Gepäckraum, dazu kommen noch zwei Vorräume und eine Telefonzelle.
Die Wagen laufen auf Drehgestellen der Bauart Minden-Deutz und sind für
eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h zugelassen. Die Länge
über Puffer beträgt 26 400 mm. Einsatzbestand 5 Wagen.
Die Aussichtswagen wurden Ende 1976 an ein Privatunternehmen
verkauft. So stand für die Dreharbeiten leider kein Wagen mehr zur
Verfügung.
Die
Strecke / Der Ort
Das
Drehbuch
Jahrbuch Film 1977/78, Herausgegeben von
Hans-Günther Pflaum (Hanser)
Niklaus Schilling Von Düsseldorf
bis Basel
Drehbuchschreiben
in einem Zug: Rheingold
Um 10.21 Uhr besteige ich am 15. August 1975
in Düsseldorf zum erstenmal den TEE "Rheingold" Richtung Basel. Mein
Gepäck vor allem Papier, Kugelschreiber, eine Leporello-Karte des
Rheinverlaufs, eine Polaroid- und eine Kleinbildkamera, Zigaretten. Der
Zug ist nur mäßig besetzt. Ich wähle einen Abteilwagen
direkt hinter dem legendären, gläsernen Aussichtswaggon. (Im
Bahnhof von Düsseldorf zog er, langsamer werdend, an mir vorbei. In
großen, goldenen Lettern konnte ich das Wort "Rheingold" lesen. Verwaschen
zwar, das Gold stumpf geworden. Der Zug muß seine große Zeit
in den 50er-Jahren gehabt haben, gebaut ganz im Stil der neuen, aufstrebenden
Republik. Heute bekommt bei seinem Anblick nicht einmal mehr ein Kind große
Augen.) Es stimmt, selbst die Schaffner wirken
freundlicher, leiser. Der Zug zehrt noch immer von seinem Ruhm. Es gibt
auf dem Netz der Bundesbahn schnellere, modernere Züge, aber es gibt
keinen, der diesen schönen Namen trägt: "Rheingold". Was ist
dagegen ein "Merkur", "Roland", "Rheinblitz" oder "Diplomat"? Zudem ist
die Strecke, auch heute noch, eine Attraktion. Sie verbindet den Rhein
entlang das schmutzige, deutsche Industriegebiet, in dem Arbeit zu Geld
wird, mit jenen schweizer Zentren. Basel und Genf, in denen dieses Geld
sauber arbeitet, wo es verwaltet wird, fließt. Flußaufwärts
gebracht wird. Ich erkenne meist stille Männer, die einsam in Akten
lesen, großformatige Zeitungen umblättern. Ihr Blick geht weder
auf die Burgen am Rhein, noch zu ihren Mitreisenden, die sich Brote kauend
an die Fenster stellen. Geschichte zieht vorbei. Eine Geschichte, die erklären
könnte, warum sie in diesem Zug sitzen mit ihren prall gefüllten
Aktenkoffern. Gerade zwischen Bonn und Mainz könnten sie viele Denkmäler
von Ausbeutung sehen, Macht. Die "Pfalz", den "Mäuseturm", "Reichenstein"
alles freigegeben für die Touristen, gegen eine erschwingliche Eintrittsgebühr.
1m Jahr des Denkmalschutzes. Der Abteilwaggon erweist sich als Drehort
geeignet. Das genaue Ausmessen mit einem Maßband läßt
den überraschend vorbeikommenden Schaffner irritiert kurz stehen,
doch er schweigt und zieht weiter. Als ich auch noch die Toilette fotografiere,
weiß ich jedoch, daß weitere Dokumentationsversuche dieser
Art mich in einen unliebsamen Verdacht bringen. Wenig später höre
ich, daß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im "Rheingold"
15 Gemälde von Cézanne, Renoir, van Gogh und Corot von einem
Kunstdiebstahl aus Italien über die Schweiz nach Duisburg verbracht
wurden. Während ein Zollbeamter diskret in einem Fahndungsbuch blättert,
erfahre ich, daß mein Nachname in seinen Ohren durchaus einen gewissen
Klang hat.
Nachdem ich die gesamte Strecke auch fotografisch
registriert habe, entschließe ich mich bald, für die nächsten
Fahrten den Großraumwagen zu benutzen. Obwohl der Abteilwaggon für
die Struktur der Geschichte absolut notwendig ist, beengt er jedoch auf
eine Weise die Assoziation, denn zu selten ist der Zug wirklich so besetzt,
daß sich auch jemand in mein Abteil setzen müßte. Ich
sehe meine Vermutung bestätigt, als ich durch den Zug gehe und fast
nur einzelne Reisende finde, selten ein Paar oder fotografierende Touristen.
Nur die gruppenreisenden Japaner belegen ihre reservierten Plätze
systematisch. Ihr Gepäck ist zudem so umfangreich, daß die schweren
Koffer schon den Weg durch den Gang zum Hindernislauf machen. Prinzipiell
jedoch will man möglichst allein reisen. Es gibt wenig Bereitschaft
für Konfrontationen mit fremden Gesichtern. Es herrschte die Einsamkeit,
wenn nicht plötzlich doch Menschen zusteigen würden, für
die Zugfahren auch eine Stimulanz bedeutete, die dieses merkwürdige
Übereinkommen zur Sprachlosigkeit durchbrechen würden. Im Bahnhof
von Düsseldorf fällt mir eine Frau auf. Vielleicht 35, gut angezogen,
eine teure Tasche unter den Arm geklemmt, besteigt sie ohne Gepäck
ruhig den Zug. Später erkenne ich sie wieder in einem Abteil, ihr
gegenüber natürlich zwei Männer. Noch immer ruhig, liest
sie in einer Zeitschrift. Kurz geht ihr Blick zum Flurfenster, vielleicht
zu den Rebhängen, vielleicht zu mir im Flur. Ich gehe weiter. Warum?
Im Großraumwaggon kann ich unbeengt schreiben, meine Augen wandern
umher, ohne daß ich mich selber beobachtet fühle. Schnell entwickelt
sich ein Rhythmus, der sich nach den Bahnhöfen richtet. In 5 Stunden
l5 Minuten erreiche ich dabei eine Arbeitsleistung, von der ich auf einem
festen Stuhl, an einem festen Tisch nur träume. Am Ziel angekommen,
entsteige ich dem Zug wie auf der Kirmes, wo ich mir danach gebrannte Mandeln
kaufen durfte. Benommen, mit einem leergeschriebenen Kugelschreiber. Man kann eine einfache Rechnung aufmachen:
setzt man einen bescheidenen Lebensstandard voraus, so ist ein l.-Klasse-Jahresabonnement
für das gesamte Netz der deutschen Bundesbahn inklusive der Übernachtung
und Verpflegung in gutbürgerlichen Hotels günstiger, als das
feste Wohnen und Leben in irgendeiner Stadt. Man hat mir von einem Mann
erzählt, der sich jedes Jahr eine solche Karte kauft und die Hälfte
des Jahres in fahrenden Zügen verbringt. Immer wieder für ein
paar Tage zurückkehrt wie zu einem Depot, wo er die Gedanken und Eindrücke
ansammelt zu einer absoluten Erfahrung von Bewegung. (Vielleicht ist die
Freizeitbewegung des Sammelns und Auswendiglernens von Kursbüchern
die harmlose Variante dieser unstillbaren Sehnsucht, degeneriert zu kleingedruckten
Zahlen auf engbedruckten Seiten.)
Immer wieder lege ich den Film ein, um ihn
an meinem Fenster vorbeiziehen zu lassen. Doch jedesmal erscheint er in
einer anderen lntensität, setzt er sich zu einer anderen Geschichte
zusammen. Und so sehe ich ihn auch rückwärts, von Basel nach
Düsseldorf. Wenn ich in Basel um l4.32 Uhr zusteige, fahre ich der
Nacht entgegen. Schon nach Mainz wird das Licht wärmer. In Köln
rollt der Zug später dicht an grauen Häusern vorbei. Nur mühsam
kann man noch die leeren Flaschen auf den Balkonen zählen. Die Fenster
erleuchtet. Schon geschlossene Vorhänge. Ebenso beim schäbigen
City-Hotel, das an der Rückfront seine Telefonnummer empfiehlt. Schließlich
überquert man den inzwischen goldenen Rhein, der Silhouette des Doms
entgegen. Fast lautlos wird mein Wagen in die dunkle Bahnhofshalle gezogen.
Noch einmal überquert der Zug den magischen Strom. Bald rast er wieder.
Ich stelle mich links an das Flurfenster, denn ich will das riesige Signet
der Bayer-Werke fotografieren. Vor dem Abendhimmel scheint sich seine Konstruktion
völlig aufzulösen, so daß es wie eine Lichterscheinung
über den schwarzen Gebäuden steht. Als ich in Düsseldorf,
nun wieder im Hotel Bismarck, ziemlich erschöpft die Zimmertür
hinter mir schließe, ist es Nacht. Endlich ist es kühler. Vom
Hof dröhnt die monumentale Musik aus "Rollerball". lch entdecke, daß
die Fenster des Vorführraums eines nahen Kinos geöffnet sind.
Nach der Schlußapotheose der letzten Vorstellung höre ich gegen
Mitternacht nur noch das nervöse Summen der Klimaanlage des darunterliegenden
Großraumbüros einer internationalen Bank. Ich bin zufrieden,
denn auch der unfreundliche Portier hat mir inzwischen als Stammgast einen
guten Preis gemacht.
Eigentlich bin ich am Rhein aufgewachsen.
In Basel, wo man singt, Z'Basel a my'm Rhy. Ich war im Rheinhafen und habe
die Schiffe gezählt. Ich konnte nicht oft genug für 10 Rappen
mit der Münster-Fähre, die nur von der Strömung hin- und
hergezogen wird, die Ufer wechseln. Der alte Fährmann blieb zwar meistens
stumm, behielt sein schier unerschöpfliches Wissen um den sagenhaften
Fluß für sich. Wenn er heute noch lebte, würde er seine
Geheimnisse bestimmt noch weniger preisgeben. "Touristen" können weder
sehen noch zuhören. Und dabei gibt es in den rheinischen Sagen einen
ungeheuren Reichtum an Motiven und Gestalten. Siegfried natürlich,
Volker von Alzey, Hagen von Tronje, Karl der Große und St. Ursula,
Dombaumeister Gerhard, Albertus Magnus und Agrippa von Nettesheim, Dietrich,
Genovefa, Goar und Ensfried. Alle die Ritter, Räuber und großen
Zecher. Dazu der Rheinstrom, Weinberge, Klosterkeller Burgruinen, Bergwerke.
Brentanos Lore Lay, Karl Simrock, Heinrich Heine ... Die Rheinstrecke ist
auch die Fahrt durch ein riesiges Museumsgebiet, das uns Geschichte lehrt
und Geschichten erzählt über Deutsch-Land. Doch jedes Jahr trägt
der Fluß Bilder ab, nimmt sie mit ins Meer, wo sie zerfließen,
weil wir nicht mehr in der Lage sind, sie zu erfassen, festzuhalten. Was
bleibt, ist der Rhein, die Sonne, die "goldene Luft" wie sie in der Mainzer
Sage heißt. Bei anhaltendem Nordwind wird man aber auch das bald
nicht mehr verstehen.
Bei Bingen grüßt mich, pünktlich
wie immer, die Germania am dunstigen Horizont. Elf Meter hoch, auf einem
Sockel von 25 Metern. In der rechten, hocherhobenen Hand die Krone, in
der linken das Schwert von 7,05 Metern Länge. Schon beim ersten Sehen
glaube ich, eine gewisse Affinität zu spüren. Es sollte mich
nicht überraschen, daß ein Bildhauer mit Namen Johannes Schilling
Jahre seines Lebens mit ihrer Herstellung verbracht hat. Bei der Einweihung
dieses Niederwald-Denkmals am 23. September 1883 sollte der Kaiser mit
seinem Gefolge in die Luft gesprengt werden. Die Ladung zündete nicht.
Der Sozialist August Reinsdorf wurde als Rädelsführer eines Komplotts
verhaftet, zum Tode verurteilt und am 7. Februar 1885 hingerichtet. In
den Sockel gemeißelt kann man lesen:
Es braust ein
Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein: Wer will des Stromes Hüter sein? So lang ein Tropfen Blut noch glüht, Noch eine Faust den Degen zieht, Und noch ein Arm die Büchse spannt, Betritt kein Feind hier Deinen Strand.
Germania hat sie trotzdem bewegungslos
vorbeiziehen lassen. Nicht weit entfernt befand sich jene Brücke von
Remagen, die strategisch so bedeutsam wurde, daß United-Artists nach
ihr sogar einen Film drehen ließ. Ein Werk der Pyrotechniker, sie
wußten dabei sicher nicht, daß die erste Eisenbahnbrücke
über den Rhein schon 1859 in Köln gebaut wurde. Später erzählte
man sich, daß in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, als man
noch an keine Eisenbahn dachte, ein Mann des Gehöfts "Zum Hofe" eines
Nachts eine ganze Reihe von Wagen durchs Tal fahren sah, kein Pferd war
zu sehen, aber mit Feuer wurde die Wagenreihe vorwärtsgetrieben ...
Es ist angenehm, im klimatisierten Wagen zu sitzen, während draußen
die Sonne brennt. Die Landschaft in einem fast zu grellen, blendenden Licht.
Nach bald vier Wochen Rhein bin ich nicht unglücklich, erstmals wieder
nach München unterwegs zu sein. Aber kaum in Bayern erfasse ist erst,
was mir die dramatische Rheinlandschaft jetzt bedeutet. Ich mache eine
Rechnung und stelle staunend fest, daß ich in der Zeit zwischen dem
14. August und dem 12.September über 12000 Kilometer zurückgelegt
habe.
Loreley-Felsen
Das
Fahrtenbuch
AUS
DEM FAHRTENBUCH
DER
PRODUKTION
27.Juli
1977, Probe
Noch immer Einrichten des Waggons
in München. Problem mit den Scheiben ist gelöst. Endlich optisch
gutes Material gefunden. Ernst Wild macht Farbtests: zufrieden. Zur Probe
wird der Wagen zum Ostbahnhof gefahren, um die Lüftung des Stromaggregats
zu überprüfen. Der Fahrtwind hilft erheblich. Ostler baut zusätzlich
einen "Windfang", um mehr Luft in die Toilette zum Aggregat zu leiten.
Trotzdem ein zweites Stromaggregat als Reserve. Schilling hat endlich sein
Kind gefunden. Von Isolde Jovine auf einem Schulhof entdeckt und gleich
mit Mutter zum Waggon gebracht. Die Mutter ist noch skeptisch.
29.Juli,
Hauptprobe
Der chronologische Ablauf eines
Drehtages. Man versucht so zu arbeiten, als würde der Wagen bereits
fahren. 5 Stunden und 15 Minuten Zeit! Immer wieder Unterbrechungen. Leute
steigen ein und aus. Schilling ruft unerbittlich die Bahnhöfe aus:
"Nun sind wir schon in Freiburg, aber eigentlich sollten wir erst kurz
vor Koblenz sein!" Spätestens jetzt haben alle wenigstens eine Ahnung
von dem, was sie erwartet.
6.August,
3.Drehtag
Wir fahren! Das zweite Mal Richtung
Basel SBB, angehängt an den fahrplanmäßigen "Rheingold".
Noch leichte Aufgaben: Geschwindigkeitsbezug, Stadtgebiet oder freie Strecke
etc., Hohenzollernbrücke in Köln.
Kirschstein und Malzacher klagen etwas über die fast alles beherrschende
Technik des Drehens. Aber der Drehplan wird noch dichter werden.
8.August,
4.Drehtag
Jo Braun versucht auf der Rückfahrt
nach Emmerich, unserem Standort im Norden, die Stichwunde. Ein Test im
fahrenden Zug, schaukelnd. Beim Drehen der Szene kann die Wunde auch erst
kurz vorher präpariert werden. Schilling betrachtet sie lange: "Nicht
schlecht." Das heißt: Gut. Man versteht inzwischen schon seine Untertreibungen. Spät abends Muster ansehen
in Rees. Das einzige Kino von Emmerich wird umgebaut. Das Kino in Rees
ist technisch eine Katastrophe. Es sieht aus, als wäre die Optik des
Projektors mit Fett beschmiert worden. Man muß in Basel ein besseres
Kino finden.
11.August,
7.Drehtag
Die Abschiedsszene auf dem Düsseldorfer
Hauptbahnhof. Zwei Kameras im Zug sollen Alice Treff und Elke Haltaufderheide
aus dem einfahrenden Zug heraus aufnehmen. Alles ist mit den Leuten vom
Bahnhof, dem Lok- und dem Zugführer besprochen. Trotzdem fährt
die Lok 50 m weiter vor. Warum, weiß niemand. Sie Szene ist nicht
zu retten. Das heißt: nochmals drehen. Helmut Bauer ist unglücklich.
13.August,
9.Drehtag
In Düsseldorf steigen heute
mehrere Statisten als Reisende zu. Kaum hat der Zug die freie Strecke erreicht,
ist man schon drehfertig. Es geht wie geplant. Sie erhalten ihre Gage und
können um 11.41h in Koblenz wieder aussteigen, mit dem Rückfahrgeld
nach Düsseldorf. Sie sind abgedreht.
16.August,
11.Drehtag
Um 15.36 wieder pünktlich in
Basel SBB. Der "Rheingold" ist längst weiter unterwegs nach Genf.
Der "Filmwagen", wie er bald offiziell heißt, abgehängt auf
seinem Stammplatz auf Gleis 1. Elke Haltaufderheide verschwindet
im Büro von Elfi Mayer zum üblichen Kostenstand. Das sicher über
Voranschlag liegende, perfekte technische Einrichten des Waggons muß
sich gelohnt haben. Man liegt im Drehplan immer besser. Geht es so weiter,
werden diese Mehrkosten bald eingeholt. Man sollte den Wagen nach den Dreharbeiten
als "Rollendes Filmstudio" weiter vermieten. In einer Ecke der Hotelbar sitzen
Isolde Jovine, Lucie Lichtig und Schilling. Sie essen wie immer Erdnüsse,
trinken Kaffee, besprechen die nächsten 2 Tage. Schilling zeichnet
die Einstellungen in vorgedruckte Skizzen.
18.August,
13.Drehtag
In Emmerich. Es soll auch in Koblenz
regnen. Es regnet weiter. Nachdem der Zug noch mehr ins schlechte Wetter
reinfährt, will Schilling in Duisburg den Waggon abhängen und
eine Rückblendeszene in einem Hotel drehen. Er will keinen Drehtag
verlieren. Zudem werden die Anschlüsse nie stimmen, 2 Tage vorher
war Sonne. Aber die Genehmigung für das Kind läuft aus. 2 Darsteller
müßten abgedreht werden. Wir bleiben dran! Dieter Kretschmer
telefoniert immer wieder aus dem Zugsekretariat mit den Bahnhöfen
von Koblenz und Mainz: weiterhin schlecht. Trotzdem wird geprobt. Die Loreley
soll mit der ersten Szene verbunden werden. Es muß auf Sekunden genau
ablaufen. Klaus Sungen schaut angestrengt aus dem Fenster. In den Regen.
Plötzlich aber kein Tropfen mehr! Kurz nach Koblenz erste Sonnenstrahlen
durch die Wolken. Im Funkgerät: "Die Sonne! Die Loreley kommt in einer
Minute." Graupner wirft das Aggregat an. "Noch 30 Sekunden." Die Kamera
läuft. Schönstes Licht. Gunther Malzacher und Elke Haltaufderheide
fiebern mit. In einem anderen Abteil trinken sie zur Beruhigung Rotwein.
Karin Geuer bügelt im Garderobe-Abteil eine Kostümjacke auf.
Frank Geuer kann seine "Regenmaschine" doch trocken lassen. Es wird kein
Anschlußproblem geben. Reinfried Keilich macht sich langsam als "Erfinder"
bereit. Die Scheinwerfer brennen fast ständig. Und die Abgase des
Stromaggregats dringen immer mehr in die Abteile. Aber es läuft. Ein
guter Tag!
20.August,
15.Drehtag
Christoph Graupner und Rita Dangriess
geben sozusagen ihre Verlobung bekannt. Sie haben sich bei diesen Dreharbeiten
kennengelernt. Sonst alles nach Fahrplan.
23.August,
17.Drehtag
Taxiverfolgung aus dem Zug. Zweiter
Versuch. Schon in Köln hat der Zug Verspätung. Keine guten Aussichten.
Über 10 Minuten später als vorgesehen passieren wir den Zug den
Bahnhof von Spay. Mit 130 km/h. Die Funkgeräte funktionieren wieder
nicht richtig, obwohl sie auf der gestrigen Rückfahrt ausprobiert
wurden. Kein Funkkontakt ins Taxi! Plötzlich taucht der Mercedes neben
dem Zug auf. Heulend die Polizei voraus. Fast zu schnell. Kretschmer ist
vorne in der Lok. Zur Sicherheit hat er glücklicherweise Signalflaggen
dabei. Über Funk und Zugtelefon hat man mit ihm Kontakt. Mit den Flaggen
dirigiert er jetzt die Fahrweise. Ohne die Polizei, die fortlaufend die
Strecke sperrt, das Taxi sicher durch die Orte leitet, wären diese
Aufnahmen nicht zu machen. Erst später, am Abend, erfährt
Axel Ganz per Telefon, daß er als Taxifahrer gut gefahren ist. Die
Szene ist drin.
24.August,
18.Drehtag
Die 9.Rückfahrt. Rückfahrten
werden immer für Proben und Vorbereitungen benutzt. Oder man dreht
Rückblenden und fensterlose Bilder. Die Klimaanlage ist ausgefallen.
Der Waggon stand in Basel den ganzen Vormittag in der prallen Sonne. Und
die Scheinwerfer heizen noch mehr. Es passiert heute alles langsam. Kaum
wird gedreht. Die Luft ist irgendwie raus. Der Zug ist wohl als völlig
normaler Drehort akzeptiert. Bei der Ankunft in Emmerich um 20.36 Uhr eine
gewisse Verstimmung. Einziges Thema: die Mückenplage.
3.September,
27.Drehtag
Die sogenannten Außenmotive.
Fast eine Woche schon mit Bus unterwegs. Am Morgen in Crohn's Hotel in
Koblenz-Stolzenfels. Festen Boden unter den Füßen. Man sieht
aus dem Fenster (alle 3 Minuten donnert ein Zug knappe 30 Meter am Hotel
vorbei). Warten auf unseren "Rheingold". Eine einfache Szene. Man vermißt
nun schon langsam die Anspannung, die rasende Fahrt, das Einmalige des
Zugdrehs.
10.
September, 33.Drehtag
Fahrt zurück nach München.
Der Bus fährt viel zu langsam und ist unbequem. Schon werden die ersten
Geschichten aus "unserem Zug" erzählt. Man ist dabei gewesen. Alles ist in Auflösung. Abschied.
Nur Wild, Otfried Dirnberger und Schilling werden für die letzten
Aufnahmen nochmals an die Strecke fahren. Hoek van Holland ist als Motiv
dazugekommen. Dort wo der TEE "Rheingold" entsteht, soll auch der Film
beginnen. Am Meer.
Regie
vom Gepäckboard
Emmerich,
17.Drehtag, 9:23h - Das Team vor der Abfahrt
Das
Protokoll
.
.
Das
Team / Die Darsteller
RHEINGOLD
Buch und Regie NIKLAUS SCHILLING, Bild ERNST WILD,
Ton ROLF MAASS, Musik EBERHARD SCHOENER, Schnitt THOMAS NIKEL, ANGELIKA
GRUBER, Ausstattung GRETEL ZEPPEL, Maske JO BRAUN, Requisite FRANK GEUER,
Garderobe KARIN GEUER, Regieassistenz ISOLDE JOVINE, Streckenassistenz
KLAUS SUNGEN, Script LUCIE LICHTIG, Technik CHRISTOPH GRAUPNER, GEORG OSTLER,
Kameraassistenz OTFRIED DIRNBERGER, Standfotos KARL-HEINZ VOGELMANN, Sekretariat
RITA DANGRIESS, Geschäftsführung ELFRIEDE MAYER, Aufnahmeleitung
DIETER KRETSCHMER, Mischung MILAN BOR, Lichtbestimmung HELGA MENSFELD,
Produktionsleitung HELMUT BAUER Eine VISUAL-Filmproduktion von ELKE HALTAUFDERHEIDE
PERSONEN UND IHRE DARSTELLER Wolfgang Friedrichs RÜDIGER KIRSCHSTEIN, Kar1-Heinz
Drossbach GUNTHER MALZACHER, Elisabeth Drossbach ELKE HALTAUFDERHEIDE,
Mutter ALICE TREFF, Erfinder REINFRIED KEILICH, Astrologe ALFRED BAAROVY,
Junge Frau PETRA MARIA GRÜN, Großvater FRANZ ZIMMERMANN, Enkelin
ULRIKE QUIEN - und CLAUDIA BUTENUTH, HORST PASDERSKI, DOROTHEA MORITZ,
AXEL GANZ, WALTER KRAUS, MICHAEL TIETZ, CLAUDIUS KRACHT, MELANIE PIANKA,
OLIVER BUTENUTH u.a. Pressebetreuung LOTHAR R. JUST Wir danken den Mitarbeitern der DEUTSCHEN BUNDESBAHN,
der SCHWEIZERISCHEN BUNDESBAHNEN und der NIEDERLÄNDISCHEN STAATSBAHNEN
für ihre große Unterstützung.
RHEINGOLD (1977) Format: 35 mm / Farbe, 1:1.66 Länge: 2490 m /
91 Min. Uraufführung 24.Februar 1978 - Internationale
Filmfestspiele Berlin, Wettbewerb
Die
Presse
TAKE ONE 9/78
Flamingo Hours
by Gene Youngblood
"Nothing could have prepared us for
the triumph of RHEINGOLD. It is, quite simply, a masterpiece."
"Nichts hatte uns für den Triumph von RHEINGOLD vorbereiten
können. Es ist, ganz einfach, ein Meisterwerk."
Dem Pantheon der brillanten Filmemacher, die als "Münchner
Schule" bekannt sind, müssen wir jetzt den Namen Niklaus Schilling
hinzufügen. Schilling, ein Schweizer Autor, Regisseur und Cinematograph,
der in West-Deutschland lebt, erregte 1977 internationales Aufsehen mit
DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES. Das ist eine metaphysische Fabel über
die deutsche Filmindustrie zweifellos das Werk eines inspirierten und talentierten
Mannes. Er bringt auch eine Frau auf die Leinwand, Elke Haltaufderheide,
die einfach eine der hypnotischsten Schauspielerinnen ist, die ich seit
Jahren gesehen habe: blaß, introvertiert, sinnlich und leicht tragisch.
Nichts hätte uns jedoch den Triumph von RHElNGOLD vorbereiten können,
Schillings nächsten und bisher neuesten Film (1978). Er ist, ganz
einfach, ein Meisterwerk.
Der Titel spielt auf eine Strecke des Trans-Europ-Express an und
auf den Zug, dar dort fährt, den TEE RHEINGOLD. Ein Karriere-Diplomat
und seine sinnliche Frau steigen getrennt und zufällig an verschiedenen
Stationen ein, ohne voneinander zu wissen. Der Liebhaber der Frau ist Kellner
im Zug. Der Ehemann findet sie zusammen. Zurück im Abteil stößt
er ihr ein Messer in den Bauch und verläßt den Zug. Plötzlich
kommt er wieder zur Vernunft, nimmt ein Taxi und verfolgt den Zug. Die
Frau ist tödlich verletzt, und um ihren Ehemann nicht zu belasten,
verbirgt sie die Wunde und sitzt sterbend im Abteil. Schnitt auf das Taxi,
das dem schnellfahrenden Zug hinterherrast, wie er im Zwielicht verschwindet.
Schnitt auf den Kellner, der von Zeit zu Zeit nach seiner Geliebten sieht,
ohne von ihrem Schicksal zu wissen.
So sehen wir ein Hitchcock-Griffith-crime-and-passion-Melodrama ablaufen.
Nun eine Überraschung: ln das Abteil kommt ein wunderschöner
moderner Todes-Engel. Diese Frau sitzt da und schaut, ohne zu sprechen.
Ein kleines "Gretchen" kommt dazu und ein alter Man der die Legende der
Loreley erzählt, jener Sirene des Rheins, die die Schiffer ins Verderben
lockte. Eine spukhafte Musik untermalt die Szene. Vor dem Fenster zieht
ein mythologisches Deutschland vorbei. Was als Thriller begann wird jetzt
ein metaphorisches Porträt Deutschlands, tragisch, heroisch und sublim.
Als ihr Leben zu Ende geht, sieht die Frau in einem Fiebertraum
ihren Liebhaber. Wir sehen diese Visionen. Sie gehören zu den ungewöhnlichsten
der Filmgeschichte. Ich kann die Majestät und Romantik dieser Szenen
nicht beschreiben. Sie sind zutiefst erotisch, ohne jede Nacktheit. Eine
qualvolle Atmosphäre von Apokalypse und Hoffnung umfängt den
Film. Die Musik steigert sich in außerirdische Höhen. Die Bilder
werden immer erstaunlicher, leuchtender, durchsichtiger. Die Tragödie
folgt ihrer Bestimmung mit zwingendem, beinahe unerträglichem Rhythmus.
Der Film hat mich umgeworfen. Alles an ihm ist Perfektion. Über allem
steht die schauspielerische Leistung von Elke Haltaufderheide. Jede Einstellung
des Films verehrt sie, und ihr Magnetismus ist überwältigend.
Ihre Leistung wird nur von dem Film als ganzem erreicht, d.h. von der inspirierten
Vision von Niklaus Schilling, der mit Herzog, Wenders und Fassbinder zu
den Großen des neuen Deutschen Films gehört.
Vorwärts 4 -1/79
Peter W. Jansen Die Zeit erreicht
ihr Ziel
"Rheingold" von Niklaus
Schilling - ein Film als Provokation
Das
Melodram hat in Deutschland eine gebrochene Tradition. Die Ufa des "Dritten
Reiches" hat es weidlich ausgebeutet und mit der Evokation von Gefühlen
das Denken eingenebelt. Dennoch ist es als die große naive Form des
Kinos nach wie vor eine seiner stärksten Potenzen. Rainer Werner Fassbinder
bedient sich ihrer und auch der in Deutschland lebende Schweizer Niklaus
Schilling. Nur: naiv ist das Melodrama schon lange nicht mehr. "Rheingold",
der neue Film von Niklaus Schilling, ist umstritten wie lange kein anderer
Film. An ihm gehen die Meinungen auseinander, seitdem die Premiere bei
den Berliner Filmfestspielen im Februar/März letzten Jahres in ungezügelten
Protesten unterzugehen drohte. Es ist typisch für die Ablehnung, daß
kaum auszumachen ist, wie sie im einzelnen begründet ist. Im Prinzip
wird der ganze Film als Provokation genommen, vor allem weil Schilling
sich nicht scheute, sein Dreiecksdrama mit einer derweil als kitschig empfundenen
deutschen Mythe zu konfrontieren, mit der Loreley-Sage. Während
der TEE Rheingold zwischen Koblenz und Bingen kurvt und drüben liegt
der Felsen Loreley, erzählt ein Großvater mit altväterischer
Erzählerstimme die Sage seiner blondgezopften Enkelin, die am Fenster
steht. Das ist der Moment größter Irritation. Denn unweigerlich,
als hätten wir einen Literaturfilm vor Augen, gehen wir auf die Suche
nach der abgebildeten Entsprechung, nach dem Signal, das den literarisch
geformten und vorgetragenen Text entschlüsselt. Es
will aber kein Bild passen, nicht die rätselhafte Rothaarige in der
Ecke des Abteils, und auch nicht Elisabeth Drossbach (Elke Haltaufderheide),
die schon innerlich verblutet. Das Kino-Melodram ist dem literarischen
Melodram über. Die Fährte, die da ausgelegt wird, ist falsch,
wenn man ihr folgt: wir sind nur noch Touristen in unseren Mythen. "Rheingold"
ist alles andere als literarisches Kino, er ist ein Film aus den filmsprachlichen
Grundvokabeln Zeit, Bewegung und Licht, und keiner dieser Parameter kann
ohne den anderen sein. Eröffnet
wird der Film mit einem Panorama in Dämmerung und Nebel. Der TEE Rheingold
verläßt seinen Heimathafen Hoek van Holland. Während er
nach Basel fährt, ereignet sich, daß Elisabeth Drossbach in
Düsseldorf einsteigt und, keineswegs zufällig, den Zugkellner
Wolfgang Friedrichs trifft, ihren Jugendfreund und Geliebten. In Bonn kommt,
das war nicht vorhersehbar, Karl-Heinz Drossbach hinzu, seines Zeichens
Ehemann und Diplomat, er sieht Elisabeth und Wolfgang in flagranti. Maßlos
in Eifersucht, stößt Drossbach seiner Frau einen Brieföffner
in den Unterleib und verläßt in Koblenz kopflos den Zug. Während
Elisabeth im Schock still nach innen verblutet, auch Wolfgang erfährt
von nichts, jagt Drossbach mit einem Taxi dem Zug hinterher, er hat in
ihm Aktenkoffer und Mantel vergessen. In Karlsruhe endlich erreicht er
den Zug, wagt aber Elisabeth nicht anzusprechen, die das Abteil mit einem
Fremden teilt. In Basel schließlich wird sie als Tote aus dem Zug
getragen, Drossbach und Wolfgang verdrücken sich, der Fremde, auf
Steuerflucht, wird abgeführt. Mit
der Schlußwendung setzt der Film, durchaus ironisch, neue melodramatische
Komplikationen in Gang. Ein Schmalfilmer filmt die Szene; für ihn
ist klar, was offensichtlich ist: daß der Mann zwischen den Polizisten
der Mörder ist. So sehr verführt uns die Phantasie, wenn man
sie mit Bildern füttert, und sowenig ist das Melodram noch naiv, wenn
es uns zeigt, wo es in Wahrheit entsteht: in unserer Einbildungskraft. Sie
wird freilich von Schilling auf Touren gebracht. Während sie stirbt,
gerät Elisabeth in eine ekstatische Stimmung, in der sie die Stationen
ihres Lebens abfährt, ein rasender Zug in den Tod hinein. Auf seinem
Höhepunkt vereinigt so der Film seine verschiedenen Elemente, baut
die Ebenen ineinander zu einem Mosaik: Parallelhandlung von Zugfahrt und
Taxifahrt, verbunden durch Parallelfahrten der Kamera, die zuweilen Zug
und Auto zugleich im Blickfeld hat, Rückblenden in Elisabeths Kindheit,
Erinnerungen an die Jahre, Tage, Stunden vorher, die Erzählung von
der Loreley, das Bild der Landschaft.
In dieser
vielschichtigen Montage, die zu den großartigsten Leistungen der
letzten Jahre hierzulande gehört, ist "Rheingold" von makelloser Klassizität,
eine durchrhythmisierte Polyphonie. Der Rhythmus der Zugfahrt, auf die
Minute genau kalkuliert, wird zum Zeittakt der Schnitte, das Licht verändert
sich mit der Zeit und zeigt die Zeitveränderung an, die Bewegung wird
zum Ausdruck der Zeit, und Zeit ist das Maß der Bewegung. Mit
Elisabeth und dem Rheingold nähert sich die Zeit ihrem Ziel, erreichen
Zeit und Bewegung und Licht die Station ihrer Vollendung im Tod. Unter
den deutschen Filmen dieser Jahre gibt es keinen anderen, der dem Kino
näher wäre.