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| Niklaus
Schilling -
Unheimliche Heimatfilme im Gepäck eines Grenzgängers Born in 1944 in Basle/Switzerland. Lives in Berlin. Short features and documentaries starting in 1961. Cameraman from 1965. First full-length cinema feature as writer and director in 1971. Regular experiments with new video technologies since 1981 (e.g. "Electronic Cinema"). His most important features: 1971 - NACHTSCHATTEN, 1976 - DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES, 1977 - RHEINGOLD, 1979 - DER WILLI-BUSCH-REPORT, 1981 - DER WESTEN LEUCHTET!, 1985 - DORMIRE, 1989 - DER ATEM (based on H. W. Franke's "Layout für ein Gesicht"), 1993 - DEUTSCHFIEBER, 1995 - DIE BLINDE KUH.
FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Niklaus Schilling is a border crosser, a border mover and a border violator. And if anyone associates "border violator" with words like "taboo violator" or "violator of accepted good taste", that is fine with me... he breaks the taboo on typically German experiences, which we have erected - and this of necessity and for good historical reasons." Kurzfilme 1961 - Reinigungsanlage II, 1962 - Cosmos Action Painting / Desperate Motion, 1965 - Verlorene Stunden, 1966 - Flug 601, 1967 - Auftrag ohne Nummer, 1968 - Einsamer Morgen Langfilme 1971 - NACHTSCHATTEN, 1976 - DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES, 1977 - RHEINGOLD, 1979 - DER WILLI-BUSCH-REPORT, 1981 - ZEICHEN & WUNDER, 1982 - DER WESTEN LEUCHTET!, 1983 - DIE FRAU OHNE KÖRPER UND DER PROJEKTIONIST, 1984/85 - DORMIRE, 1986 - UNTER 4 AUGEN - Alfons Schilling beobachtet von Niklaus Schilling (Doku), 1987/88 - DER ATEM, 1991/92 - DEUTSCHFIEBER, 1994/95 - DIE BLINDE KUH In NACHTSCHATTEN gerät ein Doppelgänger (John van Dreelen) in die Fänge einer einsamen in der Lüneburger Heide lebenden Frau (Elke Hart). Die Silhouetten der gespenstigen Natur werden ihn schließlich verschlingen. Mit der VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES erbt ein Kleindarsteller (Herb Andress) nicht nur die Vergangenheit des deutschen Films, sondern auch die Zukunft eines zunehmend maroden Kleingewerbes. Schließlich verknüpft der Regisseur im zunächst höchst umstrittenen und heute zum Klassiker avancierten RHEINGOLD auch abgründige, mythologische Aspekte mit dem Alltäglichen. Die Eisenbahnfahrt einer durch Deutschland sterbenden Frau (Elke Haltaufderheide) von Hoek van Holland bis Basel ist eine traumatische Parabel über Liebe und Tod. Der mit dem "Max-Ophüls-Preis" ausgezeichnete WILLI-BUSCH-REPORT wiederum, holt einen fast arbeitslosen Lokalreporter (Tilo Prückner) am Ende der westlichen Welt ins Scheinwerferlicht. An der Nahtstelle der beiden Welt-Systeme - an der Grenze der Bundesrepublik und der DDR muß endlich etwas geschehen. Und in DER WESTEN LEUCHTET! verliert ein in der Bundesrepublik operierender DDR-Agent (Armin Mueller-Stahl) nicht zuletzt wegen einer Frau (Beatrice Kessler) allmählich seine Orientierung. Schillings Aufgeschlossenheit gegenüber neuen, innovativen Produktionstechniken fand seit Anfang der 80er-Jahre ihren Ausdruck in seiner nachhaltigen Beschäftigung mit dem "Elektronischen Kino", was von den einen als mutiger Schritt gefeiert von den anderen als Verrat am traditionellen Film geschmäht wurde. Nach dem bewußt mit einfachsten Mitteln realisierten Experiment ZEICHEN & WUNDER - einer inszenierten Fernseh-Katastrophe - drehte er 1983 in Coproduktion mit RTL Luxemburg DIE FRAU OHNE KÖRPER UND DER PROJEKTIONIST, seinen ersten professionellen, elektronischen Film mit einer 1-Zoll-MAZ-Ausrüstung, der in den USA mit einem aufwendigen Verfahren auf 35mm-Film transferiert wurde. Auch die Geschichte, eine Liebesbeziehung zwischen einer TV-Moderatorin und einem Filmvorführer, spiegelt ironisch die Spannung zwischen den Medienwelten. DORMIRE ist die nahezu perfekte Reduzierung. Er spielt ausschließlich in einem sechs Quadratmeter kleinen Raum: Im Abteil eines Schlafwagens, der original als umgebautes Videostudio zwischen Hamburg und München fährt. Für zwei Frauen (Sunnyi Melles, Sabina Trooger) wird die Reise zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Um Sehen und Erkennen kreist in besonderer Weise Schillings einzige Dokumentation UNTER 4 AUGEN, die sich mit der Arbeit seines Bruders, des Künstlers und Erfinders Alfons Schilling auseinandersetzt, der das gewohnte und geprägte Wahrnehmungsvermögen mit archaisch konstruierten Sehapparaturen erneuern will. Mit seinem Science-Fiction-Film DER ATEM - nach einer Geschichte von Herbert W. Franke - verbindet Schilling vorerst abschließend exemplarisch drei Techniken zu einer Bildsprache: Chemischer Film, elektronische Videotechnik und synthetische Computer-Generierung. Die Suche nach dem Gesicht eines Mörders wird zur Suche nach der Realität. Nach dem Fall der Berliner Mauer vollendet sich 1991/92 eine nicht geplante Deutschland-Trilogie: DER WILLI-BUSCH-REPORT und DER WESTEN LEUCHTET! werden von DEUTSCHFIEBER ergänzt. In der deutsch-deutschen Coproduktion der "westdeutschen" VISUAL mit der "ostdeutschen" DEFA mutiert Willi Busch im Blitzlicht-Gewitter der Historie mit sanfter Gewalt zum Bürger eines neuen Deutschlands. 1996 stellt Schilling seinen neuesten Film DIE BLINDE KUH vor, ein fiktiver dokumentarischer Spielfilm. Er handelt von einem höchst aktuellen Spiel: Die eigentliche "Wunderwaffe" des "Dritten Reiches" war nämlich weder die "V2" noch die "A-Bombe". Das Unternehmen "Blinde Kuh" hat offensichtlich noch immer die Eroberung der Welt mit Hilfe der elektronischen Medien zum Ziel. (Munzinger Archiv)
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| "Willi
Busch for President!"
Vom Ende der westlichen Welt und dem Mantel der Geschichte "Es war sehr kalt, damals im Frühjahr
1979. Wir standen wieder einmal vor dem unüberwindlichen, 1378 Kilometer
langen, monumentalen Bauwerk der deutsch-deutschen Grenze. Auf der westlichen
Seite mein Filmteam und auf der anderen Seite die Soldaten der DDR-Grenztruppen.
Unablässig beobachteten wir uns durch unsere Ferngläser. Und
wunderten uns. Wir drehten die letzte Szene des "Willi-Busch-Report": Nicht
zuletzt auch angesichts der Grenze erleidet Willi einen Kreislaufkollaps
und wird ohnmächtig. Ein letztes Mal verletzt er dabei ein Tabu -
die Grenze. Im Sturz fällt sein Kopf über die Demarkationslinie
auf das Staatsgebiet der DDR - und gleichzeitig in den "Ostblock", das
andere, feindliche Weltsystem! Über unseren Köpfen kreist dazu
ein westlicher Hubschrauber, knapp an der imaginären Luftraumgrenze.
Wir hatten Angst.
Niklaus Schilling
Taucherkrankheit oder Höhenrausch - Was ist bloß mit den Deutschen los? Inzwischen gibt es Stimmen, die den damaligen Zustand vieler Menschen gerade in den deutsch-deutschen Grenz-Regionen mit jenem Gefühl in Beziehung bringen, welches die Medizin als Höhenrausch definiert. Die Wirkung ist ganz unterschiedlich. Wo es einerseits zu ausgesprochenen Glücksmomenten führt, kann es andererseits ebenso schnell zu einem lebensbedrohlichen Notfall kommen: Der oder die Betroffene muß umgehend ins Tal verbracht werden. Inwieweit bei einem solchen Krankheitsbild darüberhinausgehende therapeutische Maßnahmen angezeigt sind, ist in jedem Einzelfall sorgfältig abzuklären. Jedenfalls hatte mit dem 3.Oktober 1990 eine völlig neue Phase begonnen: Der Staat DDR ist von der Weltkarte verschwunden. Seine Bürger sind über Nacht zu Bundesrepublikanern geworden. (Ansonsten lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!) (Produktion)
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| TAKE ONE 9/78
Flamingo Hours by Gene Youngblood "Nothing could have prepared us for the triumph of RHEINGOLD. It is, quite simply, a masterpiece." "Nichts hatte uns für den Triumph von RHEINGOLD vorbereiten können. Es ist, ganz einfach, ein Meisterwerk." Dem Pantheon der brillanten Filmemacher, die als "Münchner Schule" bekannt sind, müssen wir jetzt den Namen Niklaus Schilling hinzufügen. Schilling, ein Schweizer Autor, Regisseur und Cinematograph, der in West-Deutschland lebt, erregte 1977 internationales Aufsehen mit DIE VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES. Das ist eine metaphysische Fabel über die deutsche Filmindustrie zweifellos das Werk eines inspirierten und talentierten Mannes. Er bringt auch eine Frau auf die Leinwand, Elke Haltaufderheide, die einfach eine der hypnotischsten Schauspielerinnen ist, die ich seit Jahren gesehen habe: blaß, introvertiert, sinnlich und leicht tragisch. Nichts hätte uns jedoch den Triumph von RHElNGOLD vorbereiten können, Schillings nächsten und bisher neuesten Film (1978). Er ist, ganz einfach, ein Meisterwerk. Der Titel spielt auf eine Strecke des Trans-Europ-Express an und auf den Zug, dar dort fährt, den TEE RHEINGOLD. Ein Karriere-Diplomat und seine sinnliche Frau steigen getrennt und zufällig an verschiedenen Stationen ein, ohne voneinander zu wissen. Der Liebhaber der Frau ist Kellner im Zug. Der Ehemann findet sie zusammen. Zurück im Abteil stößt er ihr ein Messer in den Bauch und verläßt den Zug. Plötzlich kommt er wieder zur Vernunft, nimmt ein Taxi und verfolgt den Zug. Die Frau ist tödlich verletzt, und um ihren Ehemann nicht zu belasten, verbirgt sie die Wunde und sitzt sterbend im Abteil. Schnitt auf das Taxi, das dem schnellfahrenden Zug hinterherrast, wie er im Zwielicht verschwindet. Schnitt auf den Kellner, der von Zeit zu Zeit nach seiner Geliebten sieht, ohne von ihrem Schicksal zu wissen. So sehen wir ein Hitchcock-Griffith-crime-and-passion-Melodrama ablaufen. Nun eine Überraschung: ln das Abteil kommt ein wunderschöner moderner Todes-Engel. Diese Frau sitzt da und schaut, ohne zu sprechen. Ein kleines "Gretchen" kommt dazu und ein alter Man der die Legende der Loreley erzählt, jener Sirene des Rheins, die die Schiffer ins Verderben lockte. Eine spukhafte Musik untermalt die Szene. Vor dem Fenster zieht ein mythologisches Deutschland vorbei. Was als Thriller begann wird jetzt ein metaphorisches Porträt Deutschlands, tragisch, heroisch und sublim. Als ihr Leben zu Ende geht, sieht die Frau in einem Fiebertraum ihren
Liebhaber. Wir sehen diese Visionen. Sie gehören zu den ungewöhnlichsten
der Filmgeschichte. Ich kann die Majestät und Romantik dieser Szenen
nicht beschreiben. Sie sind zutiefst erotisch, ohne jede Nacktheit. Eine
qualvolle Atmosphäre von Apokalypse und Hoffnung umfängt den
Film. Die Musik steigert sich in außerirdische Höhen. Die Bilder
werden immer erstaunlicher, leuchtender, durchsichtiger. Die Tragödie
folgt ihrer Bestimmung mit zwingendem, beinahe unerträglichem Rhythmus.
Der Film hat mich umgeworfen. Alles an ihm ist Perfektion. Über allem
steht die schauspielerische Leistung von Elke Haltaufderheide. Jede Einstellung
des Films verehrt sie, und ihr Magnetismus ist überwältigend.
Ihre Leistung wird nur von dem Film als ganzem erreicht, d.h. von der inspirierten
Vision von Niklaus Schilling, der mit Herzog, Wenders und Fassbinder zu
den Großen des neuen Deutschen Films gehört.
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| Jahrbuch Film 1977/78, Herausgegeben von Hans-Günther Pflaum
(Hanser)
Niklaus Schilling
Drehbuchschreiben in einem Zug: Rheingold Um 10.21 Uhr besteige ich am 15. August
1975 in Düsseldorf zum erstenmal den TEE "Rheingold" Richtung Basel.
Mein Gepäck vor allem Papier, Kugelschreiber, eine Leporello-Karte
des Rheinverlaufs, eine Polaroid- und eine Kleinbildkamera, Zigaretten.
Der Zug ist nur mäßig besetzt. Ich wähle einen Abteilwagen
direkt hinter dem legendären, gläsernen Aussichtswaggon. (Im
Bahnhof von Düsseldorf zog er, langsamer werdend, an mir vorbei. In
großen, goldenen Lettern konnte ich das Wort "Rheingold" lesen. Verwaschen
zwar, das Gold stumpf geworden. Der Zug muß seine große Zeit
in den 50er-Jahren gehabt haben, gebaut ganz im Stil der neuen, aufstrebenden
Republik. Heute bekommt bei seinem Anblick nicht einmal mehr ein Kind große
Augen.)
Nachdem ich die gesamte Strecke auch fotografisch
registriert habe, entschließe ich mich bald, für die nächsten
Fahrten den Großraumwagen zu benutzen. Obwohl der Abteilwaggon für
die Struktur der Geschichte absolut notwendig ist, beengt er jedoch auf
eine Weise die Assoziation, denn zu selten ist der Zug wirklich so besetzt,
daß sich auch jemand in mein Abteil setzen müßte. Ich
sehe meine Vermutung bestätigt, als ich durch den Zug gehe und fast
nur einzelne Reisende finde, selten ein Paar oder fotografierende Touristen.
Nur die gruppenreisenden Japaner belegen ihre reservierten Plätze
systematisch. Ihr Gepäck ist zudem so umfangreich, daß die schweren
Koffer schon den Weg durch den Gang zum Hindernislauf machen. Prinzipiell
jedoch will man möglichst allein reisen. Es gibt wenig Bereitschaft
für Konfrontationen mit fremden Gesichtern. Es herrschte die Einsamkeit,
wenn nicht plötzlich doch Menschen zusteigen würden, für
die Zugfahren auch eine Stimulanz bedeutete, die dieses merkwürdige
Übereinkommen zur Sprachlosigkeit durchbrechen würden. Im Bahnhof
von Düsseldorf fällt mir eine Frau auf. Vielleicht 35, gut angezogen,
eine teure Tasche unter den Arm geklemmt, besteigt sie ohne Gepäck
ruhig den Zug. Später erkenne ich sie wieder in einem Abteil, ihr
gegenüber natürlich zwei Männer. Noch immer ruhig, liest
sie in einer Zeitschrift. Kurz geht ihr Blick zum Flurfenster, vielleicht
zu den Rebhängen, vielleicht zu mir im Flur. Ich gehe weiter. Warum?
Im Großraumwaggon kann ich unbeengt schreiben, meine Augen wandern
umher, ohne daß ich mich selber beobachtet fühle. Schnell entwickelt
sich ein Rhythmus, der sich nach den Bahnhöfen richtet. In 5 Stunden
l5 Minuten erreiche ich dabei eine Arbeitsleistung, von der ich auf einem
festen Stuhl, an einem festen Tisch nur träume. Am Ziel angekommen,
entsteige ich dem Zug wie auf der Kirmes, wo ich mir danach gebrannte Mandeln
kaufen durfte. Benommen, mit einem leergeschriebenen Kugelschreiber.
Immer wieder lege ich den Film ein, um ihn an meinem Fenster vorbeiziehen zu lassen. Doch jedesmal erscheint er in einer anderen lntensität, setzt er sich zu einer anderen Geschichte zusammen. Und so sehe ich ihn auch rückwärts, von Basel nach Düsseldorf. Wenn ich in Basel um l4.32 Uhr zusteige, fahre ich der Nacht entgegen. Schon nach Mainz wird das Licht wärmer. In Köln rollt der Zug später dicht an grauen Häusern vorbei. Nur mühsam kann man noch die leeren Flaschen auf den Balkonen zählen. Die Fenster erleuchtet. Schon geschlossene Vorhänge. Ebenso beim schäbigen City-Hotel, das an der Rückfront seine Telefonnummer empfiehlt. Schließlich überquert man den inzwischen goldenen Rhein, der Silhouette des Doms entgegen. Fast lautlos wird mein Wagen in die dunkle Bahnhofshalle gezogen. Noch einmal überquert der Zug den magischen Strom. Bald rast er wieder. Ich stelle mich links an das Flurfenster, denn ich will das riesige Signet der Bayer-Werke fotografieren. Vor dem Abendhimmel scheint sich seine Konstruktion völlig aufzulösen, so daß es wie eine Lichterscheinung über den schwarzen Gebäuden steht. Als ich in Düsseldorf, nun wieder im Hotel Bismarck, ziemlich erschöpft die Zimmertür hinter mir schließe, ist es Nacht. Endlich ist es kühler. Vom Hof dröhnt die monumentale Musik aus "Rollerball". lch entdecke, daß die Fenster des Vorführraums eines nahen Kinos geöffnet sind. Nach der Schlußapotheose der letzten Vorstellung höre ich gegen Mitternacht nur noch das nervöse Summen der Klimaanlage des darunterliegenden Großraumbüros einer internationalen Bank. Ich bin zufrieden, denn auch der unfreundliche Portier hat mir inzwischen als Stammgast einen guten Preis gemacht. Eigentlich bin ich am Rhein aufgewachsen. In Basel, wo man singt, Z'Basel a my'm Rhy. Ich war im Rheinhafen und habe die Schiffe gezählt. Ich konnte nicht oft genug für 10 Rappen mit der Münster-Fähre, die nur von der Strömung hin- und hergezogen wird, die Ufer wechseln. Der alte Fährmann blieb zwar meistens stumm, behielt sein schier unerschöpfliches Wissen um den sagenhaften Fluß für sich. Wenn er heute noch lebte, würde er seine Geheimnisse bestimmt noch weniger preisgeben. "Touristen" können weder sehen noch zuhören. Und dabei gibt es in den rheinischen Sagen einen ungeheuren Reichtum an Motiven und Gestalten. Siegfried natürlich, Volker von Alzey, Hagen von Tronje, Karl der Große und St. Ursula, Dombaumeister Gerhard, Albertus Magnus und Agrippa von Nettesheim, Dietrich, Genovefa, Goar und Ensfried. Alle die Ritter, Räuber und großen Zecher. Dazu der Rheinstrom, Weinberge, Klosterkeller Burgruinen, Bergwerke. Brentanos Lore Lay, Karl Simrock, Heinrich Heine ... Die Rheinstrecke ist auch die Fahrt durch ein riesiges Museumsgebiet, das uns Geschichte lehrt und Geschichten erzählt über Deutsch-Land. Doch jedes Jahr trägt der Fluß Bilder ab, nimmt sie mit ins Meer, wo sie zerfließen, weil wir nicht mehr in der Lage sind, sie zu erfassen, festzuhalten. Was bleibt, ist der Rhein, die Sonne, die "goldene Luft" wie sie in der Mainzer Sage heißt. Bei anhaltendem Nordwind wird man aber auch das bald nicht mehr verstehen. Bei Bingen grüßt mich, pünktlich
wie immer, die Germania am dunstigen Horizont. Elf Meter hoch, auf einem
Sockel von 25 Metern. In der rechten, hocherhobenen Hand die Krone, in
der linken das Schwert von 7,05 Metern Länge. Schon beim ersten Sehen
glaube ich, eine gewisse Affinität zu spüren. Es sollte mich
nicht überraschen, daß ein Bildhauer mit Namen Johannes Schilling
Jahre seines Lebens mit ihrer Herstellung verbracht hat. Bei der Einweihung
dieses Niederwald-Denkmals am 23. September 1883 sollte der Kaiser mit
seinem Gefolge in die Luft gesprengt werden. Die Ladung zündete nicht.
Der Sozialist August Reinsdorf wurde als Rädelsführer eines Komplotts
verhaftet, zum Tode verurteilt und am 7. Februar 1885 hingerichtet. In
den Sockel gemeißelt kann man lesen:
Germania hat sie trotzdem bewegungslos vorbeiziehen
lassen. Nicht weit entfernt befand sich jene Brücke von Remagen, die
strategisch so bedeutsam wurde, daß United-Artists nach ihr sogar
einen Film drehen ließ. Ein Werk der Pyrotechniker, sie wußten
dabei sicher nicht, daß die erste Eisenbahnbrücke über
den Rhein schon 1859 in Köln gebaut wurde. Später erzählte
man sich, daß in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, als man
noch an keine Eisenbahn dachte, ein Mann des Gehöfts "Zum Hofe" eines
Nachts eine ganze Reihe von Wagen durchs Tal fahren sah, kein Pferd war
zu sehen, aber mit Feuer wurde die Wagenreihe vorwärtsgetrieben ...
Es ist angenehm, im klimatisierten Wagen zu sitzen, während draußen
die Sonne brennt. Die Landschaft in einem fast zu grellen, blendenden Licht.
Nach bald vier Wochen Rhein bin ich nicht unglücklich, erstmals wieder
nach München unterwegs zu sein. Aber kaum in Bayern erfasse ist erst,
was mir die dramatische Rheinlandschaft jetzt bedeutet. Ich mache eine
Rechnung und stelle staunend fest, daß ich in der Zeit zwischen dem
14. August und dem 12.September über 12000 Kilometer zurückgelegt
habe.
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| Vorwärts 4 -1/79
Peter W. Jansen
"Rheingold" von Niklaus Schilling - ein Film als Provokation Das
Melodram hat in Deutschland eine gebrochene Tradition. Die Ufa des "Dritten
Reiches" hat es weidlich ausgebeutet und mit der Evokation von Gefühlen
das Denken eingenebelt. Dennoch ist es als die große naive Form des
Kinos nach wie vor eine seiner stärksten Potenzen. Rainer Werner Fassbinder
bedient sich ihrer und auch der in Deutschland lebende Schweizer Niklaus
Schilling. Nur: naiv ist das Melodrama schon lange nicht mehr.
In dieser
vielschichtigen Montage, die zu den großartigsten Leistungen der
letzten Jahre hierzulande gehört, ist "Rheingold" von makelloser Klassizität,
eine durchrhythmisierte Polyphonie. Der Rhythmus der Zugfahrt, auf die
Minute genau kalkuliert, wird zum Zeittakt der Schnitte, das Licht verändert
sich mit der Zeit und zeigt die Zeitveränderung an, die Bewegung wird
zum Ausdruck der Zeit, und Zeit ist das Maß der Bewegung.
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| Horst Schäfer: "Film im Film" (1985, Fischer)
Das alte Kino und die neuen Medien
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| Abschied
vom Zelluloid?
Leserbrief eines Kinogängers
DIE ZEIT - Nr. 7 - 10.Februar 1984 Lieber Herr Greiner! Leserbriefe sind eigentlich nicht meine
Art. Film-Entwürfe liegen mir mehr. Aber Ihr ZEIT-Text vom 27.1.84
über "Abschied vom Zelluloid" bringt mich zu einer Entgegnung:
Einigen wir uns darauf, daß es weitaus
stärkere Phasen hatte, oder stellen wir wenigstens fest, daß
das "Kino" als Ort, als Treffpunkt für Obsessionen, Träume und
was weiß ich, leider kaum mehr existiert. Es ist nur noch Teil eines
weltweiten Bilder- und Geschichtenvertriebs. Als Institution, die fast
religiösen Charakter hatte, existiert es nicht mehr. Und warum? Sind
es die Chips, ist es die Elektronik, die es immer weiter noch verdrängen?
Ich denke, daß wir es auch sind, die wir nicht kämpferisch genug
seine spezifischen Formen weiterentwickelt haben (und nicht nur die industriellen!).
Aber was sind das für Formen? Muß es ein Remake eines Films
der schwarzen Serie sein, oder ein Schiff über einen Berg oder ein
Boot ins Wasser gebracht werden? Und ist die Herstellungsweise eines chemischen
Films nicht ein Anachronismus: am Fließband werden pro Sekunde 24
Bilder produziert. Eine Erfindung des 19. Jahrhunderts übrigens (aus
der Gründerzeit). Und wann kann ich auch handwerklich adäquat
heute noch die Produkte aus diesen Herstellungsprozessen sachgerecht betrachten?
(Wann reklamiert man das unscharfe Bild, den Ton, die schlechte Kopie?)
Wir sind Opfer geworden einer Ware, die - auch gefördert - nach den
Gesetzen des sog. Marktes funktioniert. (Warum gibt es so viele Supermärkte?
Weil es mal so viele Kinos gab?)
Wir haben Angst vor der Numerierung, Digitalisierung, vor der Elektronik überhaupt. Wir lächeln über den Begriff "Video". Aber wir lächeln, weil wir uns fürchten davor. Und die Angst gilt es kennenzulernen. Also nehm' ich so ein Ding in die Hand. Was kann es, erzeugt es mir Sachen, die ich brauchen kann? Mit dem Anspruch "Kino" muß ja nun wirklich nicht nur eine ARRI-Filmkamera verbunden sein. Oh nein, das Fernsehen arbeitet noch immer mit der ARRI. Und Fernsehen ist nicht Video. Und elektronisches Bildaufzeichnen nicht Fernsehen. Ist, oder kann Elektronik nicht auch Kino sein? Ein Raum. ein großes Bild vorne. wie ein Fenster. Für Bilder, die elektronisch erzeugt wurden? In - wenn man will - völlig anderen Produktionsverhältnissen? In einer viel größeren Kreativität - wenn man kann (vom Bilder festhalten, verändern, über digitales Verarbeiten bis zur völlig synthetischen Generierung)? Gut, das traditionelle Kino gibt es so auf jeden Fall nicht mehr. Und das Zelluloid wird gehen. Wir werden aber auch die letzten "Kino-Reservate" verlieren, wenn wir die elektronischen Bilder weiterhin den Werbespot-Machern und Tagesschau-Berichtern überlassen. Es gilt sich einzunisten in diesen neuen Schaltkreisen, bevor es zu spät ist, und die Bilderverteiler uns weltweit versorgen. (Die werden übrigens ihre Kinos haben, weil sie sie brauchen für ihre Kampagnen-Wirkung auf allen Schienen). Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: DIE FRAU OHNE KÖRPER UND DER PROJEKTIONIST zeigt unter anderem ja auch eine Reibung der Medien, für den der's sehen will. Der Film ist auch eine Brücke zwischen diesen Medien. Sie ist tragfähig. Ich habe sie schon benutzt und ich denke, daß sie noch einige benutzen werden. Er ist eine Liebeserklärung ans Kino - mit der Absicht, seine Liebe zum Kino hinüberzubringen, ans andere Ufer. Und sie hoffentlich sogar neu zu beleben. Mit anderen Worten: das Erzählen mit Bildern gerade jetzt von Neuem ernst zu nehmen. Und mit diesem neuen Medium - was ja eigentlich nur eine neue Technik ist - eine neue Freiheit zu erlangen, wie wir sie uns immer haben wegnehmen lassen, mit Produktionstechniken, die erstarrt sind. Nach Methoden, wie sie ein letztes Mal die "Nouvelle Vague" in Frage gestellt hat. Aber seitdem ist viel passiert, aber nicht mehr im Kino, sondern in Labors und Konzernzentralen. Erst Mitte der 50-ger Jahre war man übrigens in der Lage, elektronische Bilder auf Band aufzuzeichnen (Ampex!). Und schließlich: Video ist nicht prinzipiell billiger (die Materialrechnung zwischen Zelluloid und Band bleibt schief), es ist anders, manchmal vielleicht auch kostengünstiger. Das andere interessiert mich, der handwerkliche (!) Aspekt im Umgang damit. Einerseits wird die Elektronik von Konzernen genutzt - andererseits ist ein völlig unabhängiges Benutzen möglich. Unzählige Kleingewerbe-Betriebe gegen Welt-Konzerne! Auch ein VHS-Filmer ist schon ein Gewerbetreibender. Ich fühl mich weiterhin mit ihm verbunden, mehr denn je (ich begann auf 8 mm-Film). Das wollte ich schreiben, um nochmals deutlich zu machen, daß der "Abschied vom Zelluloid" der Beginn einer Eroberung ist. Insofern haben Bauer und Bundschuh einen Film machen müssen, der angeblich zu viel will. Die Sache ist weder zu verkaufen, noch ist sie eine Botschaft. Der Film scheint mir viel eher eine gelungene und schöne Irritation zu sein, die etwas vermittelt, was uns herausfordert, was Bewegung bringt in eine Landschaft, die absehbar sonst wie die Wälder abzusterben droht. (Ach ja, da wäre noch RTL, noch 'ne Angst.) "Abschied vom Zelluloid" ist sicherlich begreifbarer als jede Wirtschaftssendung. Aber muß man denn heute eigentlich alles erklären? Ein sogenannter Lehrfilm will der Bericht sicherlich nicht sein. Zu belegen gibt es nichts, aber "aufzuzeichnen". Sie sehen. eine Besprechung der Sendung
könnte wohl auch anders aussehen.
Niklaus Schilling
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| Süddeutsche Zeitung - 28.November 1972
Phantomkino "Nachtschatten" von Niklaus Schilling Schillings "Nachtschatten" fängt an,
wie Straubs "Bräutigam", den Schilling fotografiert hat, aufhört
- mit einem langen Blick in einen Baum, dessen Blätter der Wind bewegt.
Aufschlußreicher als die Ähnlichkeit der Bilder ist aber die
Verschiedenheit ihrer Funktion. Bei Straub: Zum Schluß eines Schwenks
nach oben, ins Freie, kommt der Blick zur Ruhe. Bei Schilling: Das Flirren
der Blätter löst die gegenläufige Bewegung aus, abwärts.
So beginnen Geschichten. Diese endet, mit einer letzten Bewegung nach unten,
indem ein Mann versinkt im Moor. Langsam bricht er ein, sinkt, immer tiefer,
bis die Decke sich wieder schließt über ihm. Wie es dem Zuhörer
geht vor solchen Geschichten.
ENNO PATALAS
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| DIE ZEIT Nr.44 vom 21.10.1977
Kino der tausend Tricks Hans C. Blumenberg zu »Die Vertreibung aus dem Paradies« Der erste Film geht so: Nach vielen Jahren
in der Fremde kehrt der verlorene Sohn in die Heimat zurück. Zu spät
indessen erreicht er das Sterbebett der Mutter. Nach kurzer Trauer ergibt
sich ein inzestuöses Verhältnis mit der blonden, bleichen, verhärmten
Schwester, die - arm, aber ehrlich - ein kleines Photo-Geschäft führt
und hartnäckig von einem unsympathischen Bankangestellten umworben
wird. Der verlorene Sohn erkennt sein Unrecht und bricht wieder auf zu
neuen Ufern: ein kleinbürgerliches Melodram.
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| Pressbook -
Berlinale 1984
Bildermachen wie die Feuerwehr Dipl. Ing. Stefan Meisel
berichtet über die Dreharbeiten
Am Anfang klingelte das Telefon, soweit
ist das üblich. Ein neuer Auftrag: Niklaus Schilling hat die Absicht,
einen Videofilm zu drehen. Einen "elektronischen Spielfilm", sagt er. Das
ist absolut unüblich. Und vor allem will er den fertigen Film auch
ins Kino bringen - fürs Kino einen Videofilm drehen, das ist einmalig,
zumindest hier bei uns.
So treffe ich also Schilling, gefaßt auf ziemlich alles. Er gilt als anspruchsvoll, pingelig, virtuos sozusagen im Umgang mit der Technik. Aber das ist Film, Filmtechnik, Schneideraum. diese stufenartige Realisierung. Und nun will dieser Regisseur also mit der Elektronik arbeiten. Wir reden ein bißchen, und ich bemerke bald, daß er durchaus Elementares der Videotechnik weiß. "Angelesen", sagt er, "und ausprobiert". Immerhin hat er ja einen ersten Film in VHS schon gemacht: ZEICHEN & WUNDER. Er drückt mir eine Kassette davon in die Hand. Ihn behinderte kein Meßwert, keine Norm. Er hat offenbar untersucht, was er mit Video eigentlich machen kann. Erst jetzt erfahre ich, daß er wohl vorhat, in studiomäßiger 1-Zoll-Technik zu arbeiten! Ich bin ziemlich aus dem Häuschen, denn so eine Produktion kann man sich schon wünschen. Gleichzeitig fällt mir allerdings ein ziemliches Gewicht auf die Schultern: damit weiß ich, daß er die heute bestmögliche Qualität aus der elektronischen Bildaufzeichnung rausholen will. Er zeigt mir einen kurzen Test: ein 35-mm-Film, umkopiert von 1-Zoll-Band. Erstaunlich die Qualität, aber nur erreichbar eben, wenn wir auf 1-Zoll arbeiten. Diese Nacht träume ich von Kabeln und Bändern, die ich wie Schlangen beschwören muß. Dann sitzen wir schon im Zug nach Luxemburg. Die Spannung steigt weiter: RTL (Radio-Télé-Luxembourg) nämlich ist Coproduzent und stellt für den Film die gesamte Ausrüstung. Eines der besten Videostudios Europas will mir offenbar seine Technik anvertrauen. Ich denke wieder an meine Schultern, aber ich laß' mir nichts anmerken. Schilling will gründlich vorgehen. Und RTL auch. Wir testen die beste Geräte-Konfiguration, und wir komplettieren vor allem die "Ambulanz": ein komplett ausgestatteter Aufnahmewagen. Alles ist drin, was für optimale 1-Zoll-Bilder benötigt wird. Natürlich der Recorder, Meßbrücke, Bezugsmonitor, Tonmischer, sogar Akkus, die ihn netzunabhängig machen. Und das alles in einem Citroen-CX! Klein, wendig, genau das, was wohl für die geplante Produktionsmethode gebraucht wird. Die RTL-Leute sind sehr hilfsbereit, bauen auf unseren Wunsch sogar noch zusätzliche Dinge ein - zum Beispiel einen Timecode-Leser. Schließlich fährt die "Ambulanz" nach München ein. Gusty Feinen am Steuer, einer der RTL-Techniker, die das fahrbare Studio gebaut haben. Er soll mir zur Hand gehen. Und mich auch sicher noch etwas im Auge behalten. Spätestens jetzt spüren wir alle, daß wir tatsächlich am Beginn einer 12-wöchigen Expedition stehen. In 1-Zoll an Original-Schauplätzen drehen und nicht im Studio. Nur nach einer Storyline Tag für Tag mit den Schauspielern die Geschichte weiter entwickeln. Dabei die Möglichkeiten der Videotechnik auch ausnutzend. Nicht zuletzt eben das Ständig-kontrollieren-können. Das "reflektierende Arbeiten", wie Schilling sagt. Ich träume wieder: diesmal von einem Bänder-Salat, von der blinden Kamera, die mir keine Bilder machen will. Glücklicherweise hat Schilling sogar den Luxus einer Gewöhnungsphase einplanen lassen. Eine Woche spielen wir ziemlich herum, machen weitere Tests, vor allem für eine neueste Umkopierung. Es spielt sich ein. Wir haben diverse Sachen erfunden. Zum Beispiel auch ein spezielles Karteien-System, mit dem wir das schnell wachsende "Bilder-Archiv" gut im Griff haben. Keine endlosen Schreibarbeiten, schneller Zugriff auf Gedrehtes. Von Anfang an überspielen wir die 1-Zoll-Bänder mit eingeblendetem Timecode auf 1/2-Zoll-Kassetten. So hat für Schilling der ganze Film, auch nach 12 Wochen, noch Platz in einem Schuhkarton. Und er kann, wann und wo er will, das schon Aufgezeichnete immer und immer wieder sehen. Jetzt sind auch die neuesten Tests vom Umkopieren aus Los Angeles gekommen. Wir sitzen im Kino und sehen erstmals unsere elektronischen Bilder auf der Leinwand. Allgemeines Staunen herrscht. Auch die Kollegen des Kick-Teams, die unsere Arbeit unter dem Titel "Abschied vom Zelluloid" die ganze Zeit über verfolgen wollen, sind sehr angetan. Als hätte sich die Transfer-Technik gerade für unseren Film in den letzten paar Wochen nochmals um einiges verbessert, sehen wir Bilder, die wir so gut gar nicht erwartet haben. Zufrieden gehen wir einen trinken und arbeiten weiter. Allerdings hat uns Gusty Feinen heute wieder verlassen. Er ist der Meinung, daß die Sache nun läuft... Hoffentlich. Nun sitze ich schon Wochen in meinem ja nicht gerade großräumigen Aufnahmewagen. Meist auf einiger Distanz zum Drehort, auf der Straße vor dem Haus, um eine nächste Ecke, bin ich konstant Beobachter und Lauscher einer Szenerie, die sich immer wieder zu neuen Bildern ordnet. Stufe um Stufe kann ich ihren Aufbau verfolgen, sehe ich, wie die Szene erarbeitet wird. Über die Tonleitung führen wir rege Gespräche, zeigt man mir Absichten der Lichtführung auf dem Monitor, nicht selten gehen sie bis an die unteren oder oberen Meßgrenzen. Und ab und zu muß ich auch zur Mäßigung rufen. Das berühmte "Rauschen" wollen wir ja vermeiden. Jener Effekt, der sich so unschön in rieseligen Farben und unruhigen Konturen zeigt. Wir bewegen uns konstant auf einer ziemlichen Gratwanderung. Normal ist kaum etwas. Und die Automatiken werden sowieso nicht benutzt, so hat sich auch ein Farbstil, eine Dramaturgie entwickelt, die ich jedoch keinesfalls nur nach dem Auge im Griff haben möchte. Lieber verlasse ich mich auf die Meßinstrumente, denn gerade nachts verändert sich das optische Empfinden ganz erheblich. Die Kamera ist ausgefallen! Kein Bild, schwarz. Kein Lebenszeichen. Allgemein geht man davon aus. daß nun der Tag im Eimer ist. Auflösungsstimmung. Ich packe meinen Werkzeugkoffer aus. Nervös bin ich schon. Die telefonische Schilderung der Krankheitssymptome hat wohl auch die RTL-Leute nicht auf eine Idee gebracht. So öffne ich die Kamera. Erste Diagnose: Kurzschluß. Die anderen sind rausgegangen. Ich bin mit dem Problem allein. Zuerst muß ich einfach mal das Innenleben betrachten. Das Manual - den Bauplan - der Kamera auf den Knien. Der Lötkolben ist längst warm. Und dann vermute ich eine kritische Stelle, einen Kondensator. Er sieht irgendwie merkwürdig aus. Warum weiß ich nicht. Tatsächlich hier messe ich einen Kurzschluß. Ich schreite zur "Operation". So eine elektronische Kamera hat ein sehr enges Innenleben. Mit aller Vorsicht löse ich diesen überführten Kondensator, entlöte ihn. Jetzt bin ich wieder zuversichtlich. In einem nahen Radiogeschäft hat man schnell ein entsprechendes Ersatzteil gefunden. Nach einer Stunde sitzt es in der Kamera. Silke - unser Video-Script und meine Assistentin - schaltet vom CX her die Kamera wieder ein: Tatsächlich, sie wärmt sich, das Bild flammt wieder auf! Meine Schultern spüren nichts mehr. Ich denke, daß ich die Technik ganz gut im Griff habe. Schilling scheint es wohl erwartet zu haben, nimmt die Kamera, als wäre nichts geschehen und dreht weiter. Wir sind inzwischen völlig eingespielt. Jeder kennt seine Handgriffe. Tagtäglich rücken wir mit dem Wagen aus, als wären wir die Feuerwehr. Der Aufbau geht wohl ähnlich schnell. Nur gibt es kein Feuer zu löschen, sondern Bilder zu machen:
Die Expedition ist weit fortgeschritten. Wir zeichnen magnetisch Bilder auf, als hätten wir nie was anderes gemacht. Schilling sagt mir irgendwann zwischendurch: "Übrigens, ich hab' ein neues elektronisches Projekt im Kopf. Wir werden noch weiter gehen..." Wahrscheinlich lächle ich entspannt, obwohl gerade der Recorder verrückt spielt: sinnlos fährt er plötzlich, wie von Geisterhand gesteuert, irgendwelche Timecode-Stellen an... Aber er beruhigt sich bald wieder, als wollte er das nächste Projekt nicht gefährden... |
| DER SPIEGEL Nr.21 / 1980
Lokaltermin mit Zwischenfällen Marie-Luise Scherer über die
Uraufführung des "Willi-Busch-Report" in Eschwege
Hätte Willi
Busch aus dem Rahmenprogramm zu dieser Filmpremiere eine Schlagzeile machen
können?
|
| ABSCHIED VOM ZELLULOID?
Beiträge zur Geschichte und Poetik des Videobildes Andreas Kirchner, Karl Prümm, Martin Richling (Herausgeber) Schüren Verlag Marburg - 2008 Niklaus Schilling Wie die Stasi mich
mit Antonioni zusammenbrachte
Rückblenden in die Wendezeit
der Filmtechnik
Tag/Außen
Nacht/Außen-Innen
MorgenGRAUEN/Innen
Tag/Innen
Tag/Innen
Tag/Innen
Tag-Nacht/Außen-Innen
Tag/Innen
Tag/Innen
Tag/Innen-Außen-Innen
Tag/Innen
Tag/Außen
Nacht/Innen
Tag/Außen-Innen
Nacht/Innen
Außen/Tag
Nacht/Innen
Innen/Tag
Erwähnte Filme: ABSCHIED VOM ZELLULOID (BRD 1984, Regie: Christian Bauer, Jörg Bundschuh, Kamera: Günter Handwerker) Format: U-matic HB / 1:1.33 / Länge: 47:28 AMERICAN GIGOLO (EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN, USA 1980, Regie: Paul Schrader, Kamera: John Bailey) Format: 35mm / 1:1.85 / Länge: 117:00 DER ATEM (BRD 1987/89, Regie: Niklaus Schilling, Kamera: Bernd Neubauer, Thomas Meyer) Format: 35mm / 1:1.85 / Länge: 119:44 DEUTSCHFIEBER (D 1991/92, Regie: Niklaus Schilling, Kamera: Frank Grunert) Format: 35mm / 1:1.85 / Länge: 126:23 DORMIRE (BRD 1984, Regie: Niklaus Schilling, Kamera: Niklaus Schilling, Thomas Meyer) Format: Video / 1-Zoll C-Standard / 1:1.33 / Länge: 91:18 DIE FRAU OHNE KÖRPER UND DER PROJEKTIONIST (BRD 1983, Regie, Kamera: Niklaus Schilling) Format: Video / 1-Zoll C-Standard - Transfer auf 35mm / 1:1.37 / Länge: 105:06 RHEINGOLD (BRD 1977, Regie: Niklaus Schilling, Kamera: Ernst Wild) Format: 35mm / 1:1.66 / Länge: 91:00 DER WESTEN LEUCHTET! (BRD 1981/82, Regie: Niklaus Schilling, Kamera: Wolfgang Dickmann) Format: 35mm / 1:1.85 / Länge: 107:41 DER WILLI-BUSCH-REPORT (BRD 1979, Regie: Niklaus Schilling, Kamera: Wolfgang Dickmann) Format: 35mm / 1:1.85 / Länge: 119:57 ZEICHEN & WUNDER (BRD 1981, Regie, Kamera: Niklaus Schilling) Format: Video / VHS-Transfer auf 16mm / 1:1.37 / Länge: 94:20 |
| DER WESTEN LEUCHTET! - Pressbook 1982
Sein und Scheinen Mareike Sprengel im Gespräch mit Niklaus Schilling
Für wen leuchtet der Westen?
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| DER WESTEN LEUCHTET!
- Presseheft 2008
Sind Spionagefilme
Vorlagen für die Realität?
Berlin, kurz vor Mitternacht, am Checkpoint Charlie - 1978: Eigentlich müsste die Szene in schwarzweiß sein, so wie in einem Spionagefilm der 60er-Jahre. Aber sie spielt im flauem gelben Licht der mächtigen Fluter über unseren Köpfen. Unter den Augen der DDR-Grenzer verabschieden wir uns. Weit und breit ist ansonsten niemand zu sehen. Wenn man von einer luxuriös chromglitzernden West-Limousine absieht, die gerade routiniert durch die Betonsperren in Richtung Osten kurvt. Erstaunlicherweise trägt sie ein DDR-Kennzeichen. Und noch erstaunlicher ist nun die Tatsache, daß ich geradezu freundlich und zuvorkommend die labyrinthischen Kontrollanlagen ohne Nachfragen passieren kann - wie schon bei der Einreise, als man von mir nicht einmal mehr den obligatorischen Pflichtumtausch verlangte. Irgendwie unheimlich - will man mir einen besonderen Status verleihen, etwa den des immer gern gesehenen Besuchers? Ein letztes Mal winke ich zurück zu einem Schemen, das gerade von der Dunkelheit wieder verschluckt wird: Armin Mueller-Stahl. Zu Fuß im Westen angekommen, wird diese „Grenz-Sequenz” keineswegs
nun wieder realistischer. Auch hier ist es nämlich fast menschenleer,
bis auf zwei GIs, die sich knapp hinter der Grenzlinie in einer Baracke
langweilen. Sicher, die Straßenbeleuchtung ist heller, da und dort
lockt auch schon ein Kneipenname. Alles ist nun wieder bunter. Ansonsten
sind aber nicht mal ein paar Statisten unterwegs, die dem leuchtenden und
ständig geöffneten quirligen Westen doch alle Ehre machen sollten.
Lauert gar an der nächsten Ecke schon der berühmte kapitalistische
Straßenräuber, der es vor allem auf einsame - und möglicherweise
ob so mancher DDR-Erlebnisse noch etwas verwirrte - Grenzgänger abgesehen
hat?
1980 hat Armin Mueller-Stahl die DDR verlassen. 1981 übernahm er die Hauptrolle in „Der Westen leuchtet!”. Seine Rolle ist wieder die eines DDR-Kundschafters. So wie er sie schon einmal für die legendäre DDR-TV-Serie „Das unsichtbare Visier” gespielt hat. Nun allerdings aus einer gänzlich anderen Perspektive. Und keineswegs als konsequent cleveren Ost-007 im Auftrag eines inzwischen untergegangenen Staates. Dessen Verschwinden allerdings - und dies nicht erst nach heutigen Erkenntnissen - nicht nur an einer äußerst spärlichen Beleuchtung lag.
Niklaus Schilling
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| VIDEOaktiv 5/1987
Verkehrte Welt Susanne Päch zu "UNTER 4 AUGEN" Niklaus Schilling ist Filmemacher. Für seinen Bruder Alfons dreht er keinen alltäglichen Film. Er ist Spiegel einer Welt aus Phantasie und Licht. Es ist eine wunderbare Abwechslung im Einerlei
der Fernsehkost: Der Videofilm, den der renommierte Filmemacher Niklaus
Schilling seinem Bruder Alfons gewidmet hat. In der blutleeren, wenig ideenreichen
Terminologie des Fernsehens nannte man ihn eine Dokumentation -
ein Begriff, der dem Werk weder von der Intention noch vom Ergebnis
gerecht zu werden scheint, ja, der überhaupt so wenig ins sonstige
Konzept passen will.
Ein Film ohne Drehbuch Der Film stilisiert das im wahrsten
Sinn des Wortes "Abnorme", das sich um den Bruder rankt, erhebt sich also
über das einfache Abbilden, Dokumentieren hinaus, setzt ein
Gedankenkonzept in ästhetisierte Vision um. "Das Bildersammeln",
wie es Niklaus Schilling nennt, wird in der Wüste von Utah
zum intimen Kunsthappening, von einer Videokamera eingefangen.
Faszination des Lichtes Alfons Schilling ist eigentlich Maler, schon immer von der
optischen Wahrnehmung, von Licht fasziniert. Einmal verharrte er mehrere
Wochen im Dunkeln, um das Licht besser studieren zu können. Seine
Arbeiten führten ihn schließlich zur Konstruktion von
Apparaturen, die dem menschlichen Auge "vorgeschaltet" werden.
Sie verändern die drei Dimensionen, auf denen unsere Wahrnehmung
beruht: Der Raum wird verzerrt, gedehnt und verbogen. Dem Rausch
dieses optischen Wahns unterlag Schilling immer mehr.
Verkehrte Welt Das Künstlerportrait eines Malers? Da denkt man an ein Gesicht, an Gespräche im Atelier oder am trauten Kamin. Nichts von alledem, was sonst üblich ist, zeigt Niklaus Schilling. Statt dessen - Bilder einer seltsamen Gestalt: eines verhüllten Phantoms, eines Fremdlings, offenbar nicht von dieser Erde, eines durch die Wüste irrenden Wesens, dessen Gesicht meist unter einem sonderbar sperrigen Kopfschmuck verborgen bleibt. Es mag bezeichnend sein, daß der introvertierte Künstler dem Zuschauer sein Gesicht nur selten offenbart - und trotzdem doch so viel von sich und seiner Welt verrät. Ergreifende Skurrilität Wie Alfons Schilling mit einem riesigen
hölzernen Rad, mit mächtigen, vibrierenden Fühlern
oder mit einem von wehenden, schwarzen Tüchern eingehüllten
Gestell durch die seltsame Landschaft wankt, die er selbst nur schemenhaft
wahrnehmen kann oder doch wenigstens auf dem Kopf gestellt erlebt,
wie er dabei kaum einen Fuß vor den anderen zu setzen im Stande
ist. Ähnlich einem Neugeborenen sucht er nach Anhaltspunkten:
Er zeigt, in einer sehr zurückhaltenden Bildsprache dokumentiert,
daß ein Besessener auf der Suche ist - und legt dabei natürlich
auch die in ihrer Schlichtheit beinahe ergreifende Skurrilität
des Unterfangens bloß.
Video macht's möglich "Ohne Video wäre die Sache niemals
so entstanden", sagt der andere lapidar, der, der die Bilder nicht
in Frage stellt, sondern sie nutzt, um damit Geschichten zu erzählen:
Niklaus. Video erlaubte den Brüdern, fast das gesamte Happening in
der Wüste aufzuzeichnen, was mit teurem Film niemals möglich
gewesen wäre. Beide spürten, wie sich während der Dreharbeiten
so etwas wie ein "optischer Dialog" zwischen ihnen aufbaute - letztlich
sind beide von der Welt der Bilder fasziniert. Niklaus versucht, mit dem
"elektronischen Auge" der Kamera eine andere, neue Realität zu
erzeugen; Alfons dagegen geht tiefer, zurück zu den Wurzeln: Er stellt
schon den Apparat des menschlichen Auges selbst in Frage, will Irritationen
aufbauen, die Information der Wahrnehmung relativieren.
Das Spiel mit der Wahrnehmung Die Kamera als "Sehinstrument" - um in den
Begriffen seines Bruders zu sprechen, hat ihn allerdings nicht so
sehr vom rein theoretischen Standpunkt aus interessiert. Er ist
Praktiker, der mit Bildern etwas mitteilen will. Ihn beschäftigen
vielmehr die Inhalte, die man damit transportiert.
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| Fahren
im Schlaf
Gad Klein zu "DORMIRE" Im Schlafwagen kommt der Mensch zur Ruhe,
so sagt man. Doch die Ruhe ist kein Stillstand, sie wird bewegt durch die
Träume. Diese Bewegung, die uns im Zustand äußerster Ruhe
heimsucht, versuchen wir manchmal zu kompensieren, indem wir unseren ruhenden
Körper bewegen: wir schlafwandeln. Oft erstreckt sich das Schlafwandeln
über ein ganzes Land, dann nämlich, wenn wir im Schlaf ruhen
und uns dennoch rasend bewegen.
Ein Schlafwagen zeichnet sich aber noch
durch ein anderes charakteristisches Merkmal aus: er führt fremde
Menschen auf engstem Raum zusammen und zwar in einer Situation, die absolut
intim ist - im Schlaf; zu einer Zeit, die wir traditionell für unsere
geheimsten Sehnsüchte und Begierden reserviert haben - die Nacht.
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| Frankfurter Rundschau, 26.Juli 1980
H a l t ! H i e r G r e n z e *) Der Max-Ophüls-Preisträger Niklaus Schilling Peter W. Jansens Laudatio wurde kürzlich anläßlich
Wenn
ich Filme von Niklaus Schilling sehe, fallen mir immer zwei Wörter,
zwei Begriffe ein. Es sind zwei Begriffe, die im allgemeinen Sprachgebrauch
nichts miteinander zu tun haben. Sie sind eher Gegensätze. Es sind
die Wörter Grenze und Bewegung. Niklaus Schilling ist ein Grenzgänger,
er ist ein Grenzbeweger, er ist ein Grenzverletzer. Und wenn sich jemand
bei dem Wort Grenzverletzer an Wörter wie Tabuverletzer oder Schamverletzer
erinnert fühlen sollte, so soll mir das gerade recht sein. Es ist
sicher kein Zufall, daß Schilling aus Basel stammt. Es ist gewiß
kein Zufall, daß wir in Saarbrücken über ihn reden. Schilling
hat nicht gerade zufällig den ersten Max-Ophüls-Preis dieser
Stadt bekommen, und ein Zufall ist es auch nicht, daß Max Ophüls
hier geboren wurde.
Ich
will hier nicht ohne Not Parallelen zwischen Max Ophüls und dem Träger
des Preises ziehen, der nach Max Ophüls benannt worden ist. Es gibt
ganz gewiß erhebliche Unterschiede zwischen den beiden und ihren
Filmen. Zum Glück, Niklaus Schilling ist kein Epigone. Was ihn mit
Max Ophüls verbindet, was ihm Max Ophüls bedeutet, war er von
Max Ophüls erfahren und für sich gelernt hat, das könnte
er im Grunde nur selber sagen. Wenn es denn nötig wäre, es zu
sagen; wenn es nicht genügte, seine Filme zu sehen. Denn es sind Filme,
die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen, und weil
sie so deutlich sind, werden sie so oft mißverstanden. Geradezu mit
Notwendigkeit mißverstanden, - weil die Deutlichkeit des Grenzgängers
und Grenzverletzers keine bequeme Deutlichkeit ist. Sie spricht nämlich
ziemlich unumwunden aus, wo wir uns winden. Der Grenzverletzer Schilling
bricht das Tabu, das wir - und auch das aus Notwendigkeit und historisch
verständlich - das wir um typisch deutsche Erfahrungen, deutsche Emotionen,
deutsche Mythen und deutsche Filmgeschichte errichtet haben. Der Grenzgänger
aus Basel ist deutscher, als uns lieb ist.
Diesen
Stillstand voller Energie, diese Bewegung und Veränderung ohne reale
Ortsveränderung - die gibt es auch im "Willi-Busch-Report": der Ort,
in dem das spielt, dort an der hessischen Grenze zur DDR, ist stehengeblieben
in der Zeit von 1945. Und dennoch hat er sich bewegt in der Zeit, durch
die Veränderung von Zeit: die Abonnenten der "Werra-Post", die jetzt
jenseits der Grenze wohnen, sind gleichsam weggezogen aus unserem gemeinsamen
Abonnement, ohne daß es eine Ortsveränderung gab. Wo nichts
mehr sich bewegt, hilft vielleicht Phantasie. Deshalb ist Willi Busch,
der Traditionalist mit Kabinenroller und Pilotenkappe, dauernd unterwegs,
deshalb knittelt er Verse wie weiland Wilhelm Busch: "Wie wohl ist's dem,
der dann und wann sich was Schönes dichten kann." Willi Busch hat's
nötig, wir haben's nötig, nur wissen wir es nicht so genau.
*) Titel einem Szenenbild aus dem Film entnommen -
im Originaltext: "Grenzgänger"
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| Aus "Film in München"
von Ingo Tornow (1995 - filmland presse)
Niklaus Schilling
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| Frankfurter Rundschau Nr.227 / 1.Oktober 1982
Licht im Nachtschatten Niklaus Schillings sanfter Thriller "Der Westen leuchtet!" Die Schattenlinie" verläuft für Joseph Conrad zwischen Jugend und Reife; es ist jener Zwischenbereich, den der junge, frischgebackene Kapitän durchschreiten muß, um zum Mann zu werden, der seinem ersten Kommando gewachsen ist. Nicht nur die Grenzsituation" ist da gemeint, sondern auch die Grenzzone", ein unsicheres, schwankendes Gelände des Noch-nicht und Schon, des Abschieds und der Ankunft, des Dämmerns und der gefährlich lähmenden Windstille. In diesem Zwischenbereich ist das Werk des geborenen Schweizers Niklaus Schilling zu Hause; diesseits und jenseits der Schattenlinie, auf ihr balancierend. Aber das schöne Wort des Polen, der englisch schrieb, meint für Schillings Oeuvre, das in der Bundesrepublik entstand, die für ihn so notwendig ist wie für Conrad die englische Sprache - Schattenlinie" .heißt für ihn nicht Initiation in die Männlichkeit (die würde man am wenigsten bei ihm erblicken); die Schillingsche "Schattenlinie" ist das Oszillieren von Realität und Fiktion im Medium der Ironie. Das uns fest und vertraut Dünkende - was uns Realität scheint - flimmert bei ihm, wiewohl der ehemalige Kameramann doch auf scharfe Konturen der Dinge besteht; alles ist im Fluß und in der Schwebe; und transparent (wie die Blusen und Kleider der Frauen), durchsichtig auf ein Rätsel, das unter der Oberfläche liegt. Spielerisch, elegant und mysteriös. Bekanntlich begreift man bei uns Ironie und Satire erst, wenn Ironiker und Satiriker sie zuvor ankündigen. Das "ach so!" mit dem das Realismus-versessene Alltagsbewußtsein dann auf die Doppelbödigkeit der Ironie und auf die verzerrte Perspektive der Satire sich einstellt, beraubt beide, jedoch ihres Spielcharakters und ihres Chockwertes. In Grenzzonen hat der Schweizer, der deutsche Filme macht, sich schon immer aufgehalten: im ersten Langfilm "Nachtschatten" (19971) wo die Vergangenheit auf mysteriöse Weise immer in der Gegenwart präsent ist; in der "Vertreibung aus dem Paradies" (1976) bei der die Genres und Stile schneller gewechselt werden als man sehen und hören kann; im "Rheingold" (1977), wo eine Bahnreise In den (Liebes-)Tod von Holland entlang des Rheins nach Genf auch eine Reise am Fluß deutscher Mythen, ist; im Willi-Busch-Report" (1979), wo Provinz- und Sensationspresse, die befremdliche existentielle Leere an der Zonengrenze, Tod, Mord, Wahnsinn und Wunderlichkeiten produzieren; zuletzt, in der Video-Arbeit Zeichen & Wunder" (1981), wo der gemütvolle und hirnrissige Wahnwitz des Fernsehdokumentarismus und der Nachrichtengebung imitatorisch auf die Schippe genommen wird: elektronisches Experiment und satirische Etüde in einem. Und jetzt: "Der Westen leuchtet!": ein Spionage-Thriller (ohne dessen Knalleffekte), ein Melodrama (ohne dessen Tränenseligkeiten), eine Dokumentation unserer Lebenswelt, des Konsumismus und des schon unbewußten Dingfetischismus (ohne Lernauftrag und soziologische Diskurse): gleitende Bewegungen über die Außenhaut der Dinge; Zooms, die das Ensemble der Räume abtasten; Großaufnahmen, welche die Ruhe der Totalen mit sanftem Erschrecken durchlöchern. Wie dem melancholischen Pathetiker Wim Wenders ist dem ironischen Melancholiker Niklaus Schilling Deutschland eine Landkarte, die es zu erforschen gilt. Wenders stößt dabei auf Söhne ohne Väter, Männer ohne Frauen, Orte ohne Menschen, auf Einsamkeit, Sprachlosigkeit; Schilling, der flanierende Spieler, unterminiert mit lautloser Bedachtsamkeit das Einverständnis über das was angeblich ist; ist aber nur scheinhaft, scheinbar, es scheint und glänzt (und seine Filme sind glänzernd, auch bewußt glänzend gemacht, und der "Westen", der "leuchtet!", bezeichnet er nicht unzutreffend sogar als "aerodynamisch": im Windkanal des Konsumismus gestylt.) Schilling unterminiert es mit einer subversiven Eleganz, das Elegante seines erzählerischen Stils ist der schwungvoll zelebrierte Geste eines Akrobaten vergleichbar, der einem den Teppich unter den Füßen wegzieht, und diesen Vorgang sieht man auch noch in der Grazie der Zeitlupe. Nicht verwunderlich, daß manche so etwas gar nicht merken oder zu spät. In Grauzonen (aber auf hochempfindlichem Fujicolor Farbmaterial), im Zwielicht der Geheimdienste (zwischen den beiden gesellschaftlichen Systemen auf deutschem Boden) und auf der Schattenlinie von Verrat und Spionage, bei denen man nicht weiß, wo ihre Grenzen verlaufen, bewegt sich "Der Westen leuchtet!" "Mißtrauen kann zu einer Krankheit werden. Und sie ist ansteckend", meint Dagmar Ostfeld (Beatrice Kessler), verwitwet, Chefsekretärin eines Münchner Industriekonzerns, zu Harald Liebe (Armin Mueller-Stahl): die ansteckende Krankheit des Mißtrauens durchwuchert die Wahrnehmung beider, und sie sorgt für die erhöhte Temperatur der filmischen Erzählweise, welche die Dinge zum fiebrigen Leuchten und Glänzen bringt ohne daß Schilling (anders als Hitchcock oder gar seine vulgären, demagogischen Epigonen) das Klima gesteigerter Wahrnehmungsschärfe durch bombastische Musikballungen zusätzlich aufladen würde. Schrilles und grelles Pathos ist diesem Ironiker fremd, er arbeitet leise, subtil und präzis. Mißtrauen in die Versicherung, ihr Mann sei vor zweieinhalb Jahren mit dem Firmenjet "ganz normal" verunglückt, hat Dagmar in die Arme des DDR-Staatssicherheitsdienstes getrieben; Mißtrauen in ihre Loyalität als Spionin des Stasi führt Liebe nach München: er soll überprüfen, ob sie nicht als Doppelagentin arbeitet, denn das Material, das sie aus der Chefetage verrät, ist wertlos. "Irgend jemand rührt mit": mutmaßt Liebe; die da "mitrühren", sind bei der Ankunft des DDR-Spions, seinen Treffs und seinen Bewegungen dabei: nicht als Personen, sondern nur als Stimmen, als geisterhafte Gesprächspartner, die sich an den Mann und die Frau herantasten, uns wiederholen, was wir zu sehen im Begriffe sind. Ein Film über das Mißtrauen, den Verdacht, die Beobachtung. "Es ist wie beim Tanzen", erklärt Harald Liebe seine Situation: "Die Mädchen haben wir immer dicht an uns herangeholt. Aber damit konnten wir ihre Augen nicht mehr sehen" - also nicht kontrollieren, ob sie nicht im gleichen intimen Augenblick mit einem anderen Zwiesprache hielten. "Spätestens damals", fährt Liebe fort, "entstand bei mir der Wunsch zu meiner späteren Berufswahl"; Dagmar, Spionin aus Rache, erwidert: "Beim Tanzen schließe ich die Augen und denke gar nichts." Beim Tanz, in den er sich da, in den offenen Armen Dagmars, begibt, könnte Harald auch in Versuchung kommen, seine Augen zu schließen und an gar nichts mehr zu denken - vor allem nicht mehr daran, daß die Frau, die er im leuchtenden Westen zu lieben beginnt, Doppelagentin sein könnte, oder beide von Dritten überwacht werden. Aber bevor sich die Schlinge um seinen Hals legt - Dagmar ist tödlich verunglückt, ihrer Tochter macht Liebe den Antrag. nun mit ihr zusammenzuleben, - ist er spurlos verschwunden - wie ein Gespenst, das aus seiner (Ver)Kleidung geschlüpft ist. Nur seine Tasche, seinen Hut seinen Sakko findet die Polizei im Pornokino, wo sich Liebe mit ihrem Verbindungsmann, der nun in der Tat Doppelagent ist, getroffen hatte. Wie schon Schillings frühere Filme ist "Der Westen leuchtet!" dialogarm und kinoreich. Kino-Reich: das heißt, da wird nicht "verfilmt", sondern die Dinge werden zu einem Sprechen gebracht, das die Augen ihnen ablesen. Das Kamera-Auge, das die Blicke wirft, die Montage, welche die Blickkontakte herstellt und in eine fließende Bewegung überführt. Der Spion ist der Fremde, der auf der Hut sein muß - umso mehr, als er erkunden will, ob ihm der Feind nicht in dem gegenübertritt, der auf seiner Seite sein sollte. Nicht ein Mann ist es, wie er erwartet, sondern eine Frau, die ihn erwartet. Erotik war nicht vorgesehen. Dabei werfen die Dinge - die eleganten Kleidungsstücke, die aufklappbare Lederreisetasche, mit denen er sich als Bundesbürger tarnt - auf ihn schon genug "begehrliche Liebesblicke" (wie Marx die Reize des Kapitalismus nannte). Dann muß er sich in der fremden Ambiente einrichten. Ein schönes Detail: "Diese Sahnepackungen für den Frühstückskaffee sind wie kleine Bömbchen", findet er, der bisher keinen Umgang mit ihnen hatte und sich auch prompt bekleckerte. "ja im Fernsehen" frozzelt Dagmar mit ironischem Lächeln, "geht's leichter und sieht schöner aus." Dabei steht der Spion, der Tourist in unserer Konsumwelt und Gejagter im Dschungel der Geheimdienste ist, erst am Anfang seiner Erkundungen, die ihn wie Dagmar (und die Zuschauer) jedoch in immer größere Unsicherheiten stürzen. Dieser Westen ist janusköpfig; in der Villa, welche die Witwe des Industriemanagers bewohnt, ist aller Luxus versammelt, den der Reichtum zu bieten vermag; und Mutter und Tochter (Melanie Tressler) sind gleichermaßen Luxusgegenstände, die sich darbieten. Aber der Blick, der die Verlockungen der Objekte erfaßt und der beginnt, sie in eine erotische Begehrlichkeit zu übersetzen, wird durchkreuzt von einer Wahrnehmungsgereiztheit, die unsere alltägliche Welt absucht nach bedrohlichen Zeichen und Signalen, die sich hinter den leuchtenden Fassaden verbergen. Schilling läßt unkommentiert in der Schwebe, ob da der Stasi-Mitarbeiter neurotisch die eigene Überwachungspraxis auf die Fremde überträgt (und sich beispielsweise von jeder Videokamera, die den Straßenverkehr beobachtet, persönlich überwacht fühlt); oder ob dieser Profi eben den röntgenologischen Blick besitzt, der ihn zu Wahrnehmungen befähigt, die den anderen, Naiven, fremd sind. So bemerkt er nicht nur die Wanzen, die sich überall versteckt halten, sondern auch auf einem Erinnerungsfoto, das Dagmars abgestürzten Mann vor seinem Flugzeug zeigt, einen Ölfleck, der von einer undichten Stelle im Flugzeugflügel herrührt. Das ist weder ein Beweis noch ein Indiz weder für Unglück noch für Mord; es ist nur ein Augenblick der Irritation, die noch das scheinbar Unschuldigste in den Bannkreis des Mißtrauens und der Verunsicherung, zieht. Deutsche Zustände. "Der Westen leuchtet!" steckt voller solcher Merkwürdigkeiten, voller haardünner Sprünge an der Oberfläche unserer Welt, hinter der sich, wie Schilling sagt, der "dritte deutsche Staat" verbirgt: die imaginäre Welt des Katz-und-Maus-Spiels deutsch-deutscher Geheimdienste. Wer sich auf die sinnliche Zeichensprache Schillings einläßt und sich unter den glimmenden Irrlichtern seiner Ironie mit der Lust am Spiel und am Entdecken des Wunderlichen im Vertrauten bewegt - auf den Spuren Harald Liebes - der wird den "Nachtschatten", den der Westen wirft, leuchten sehen. WOLFRAM SCHÜTTE
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| "Pressbook - Venedig 89"
Der Atem der Geschichte Niklaus Schilling im Gespräch
Der Film beginnt mit einer Entführung - endet er mit einer "Verführung"? In keinem Schilling-Film wird eine technische Welt so präsent. Einerseits unheimlich, wirkt sie andererseits höchst faszinierend...
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| NIL-Film / Verleihmitteilung 28.11.1990
1995: Computer - Mythen
- Ironie
DER ATEM: Als Zeit der Handlung gibt Niklaus
Schilling das Jahr 1995 an. Und als Ort definiert er die Schnittstelle
zwischen Mensch und Maschine. Er bringt modernste Technologie mit
Mythen zusammen und verleiht so unserem Verständnis von einer
immer genauer berechneten Umwelt eine neue Dimension. Was passiert also,
wenn ein genialisch begabter Software-Programmierer einen inzwischen 20
Jahre zurückliegenden Kindheitsschock mit Hilfe eines Computers endlich
überwinden will?
ALFRED SCHANTZ
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| Produktionsinfo zur Berlinale 96
"Wollt ihr das totale Programm?" Niklaus Schilling über
seine "dokumentarische Fiktion"
Der Film geht von der Tatsache aus, daß spätestens 1936 anläßlich der Olympischen Spiele in Berlin die Erfindung des Fernsehens in das Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit gedrungen ist. Die deutsche Industrie hatte bereits konkrete Ziele im Visier. Dem Rundfunk-"Volksempfänger" sollte tatsächlich bald ein "Fernseh-Volksempfänger" folgen. Den innovativen Ideen waren also keinerlei Grenzen gesetzt. Bis zu dem Tag, als der von Hitler provozierte Krieg ausgelöst und damit sehr schnell wieder andere Prioräten gesetzt wurden. Und damit eben auch die extrem gesteigerte Nachfrage nach ganz anderen "Produkten". Es mag auch an Reichspropagandaminister
Goebbels gelegen haben, der die Möglichkeiten des Fernsehens im Gegensatz
zum Kino-Film ("Deutsche Wochenschau"!), nur als rudimentär erkannte.
Jedenfalls wurde bald nur noch auf Sparflamme weitergeforscht. Kleine Gruppen
verfolgten die definierten Wege zwar weiter, aber das Ziel eines "Deutschen
Fernsehens" war damit in weite Ferne gerückt. Es entstand sogar noch
eine kleine Serie des sogenannten Einheitsfernsehers "E 1" - als Preis
wurden 650 RM festgesetzt - aber zu kaufen war das Gerät nie. Effektiver
in ihrer Wirkung schienen immerhin jene Fernseh-Versuche zur "Fernsteuerung
von Bomben" zu sein, die zu ihrem Verständnis keine medienhistorischen
Begründungen benötigten: Ihr Programm war der Tod.
Ein halbes Jahrhundert später ist jedoch zu konstatieren, daß es eine ganze Reihe guter Gründe gibt, an bisherigen Erkenntnissen der Kultur- und Technik-Forschung der neueren deutschen Geschichte zu zweifeln. Sind dabei nur Ungereimtheiten festzustellen, oder haben wir einen gewaltigen "Geschichtsbetrug" vor uns, der nur deshalb im Dunkeln blieb, weil er dabei unter anderem auch einem revolutionären Medium für alle Zukunft die Unschuld genommen hätte. Das Sender-Logo als Stempel der Schuld? Auf der Basis dieser vorhandenen, historischen Informationen und in der "aktualisierten" Verbindung ebensolcher Spuren, kann der Film eine immer schlüssiger werdende Theorie Stein für Stein zusammensetzen: Hitler und sein "Großdeutsches Reich" waren kurz vor der Einführung eines "Großdeutschen Fernsehens"! Und wenn nicht die "Probleme mit dem Eroberungskrieg" gewesen wären, wäre der "friedliche Plan" der deutschen Kommunikations-Industrie mit ganzer Kraft umgesetzt worden: Ein von "der deutschen Stärke" bestimmtes europaweites Fernsehen, das regelmäßig und konsequent ein völlig anderes - "positives" - Bild der Welt liefert. In hoffnungsvoller Erwartung, daß dieser Stärke noch weitere Energien zuströmen, weil die "Macht des lebendigen Bildes, direkt in die Wohnzimmer des Kontinents transportiert, vergleichbar ist mit der gewaltigsten Waffe". Jedenfalls hätte sich auch die britische "Insel-Television" einem solchen Ansinnen schon aus Gründen der - heute viel zitierten - europäischen Kompatibiltät nicht mehr widersetzen können. Wie stark wäre eine deutsche Live-Sendung der "Siegesfeier" aus der "größten Halle der Welt" in ganz Europa empfunden worden, wenn schon die mehr als bescheidenen Fernseh-Übertragungen der Berliner Olympischen Spiele bei den damaligen Augen- und Ohrenzeugen einen bis heute äußerst lebendigen Eindruck hinterlassen haben? Um dies alles zu erfassen, ist es notwendig,
neben der elektronischen Kamera, eine ebenso wichtige Apparatur erstmals
nach 50 Jahren ans Licht des Tages zu hieven. Ihr Name ist Funktion: Es
werden Bilder "gefressen" - aufgenommen - und unverzüglich "wiedergekäut"
- abgespielt. Heute würde man eine vergleichbare Maschine als Videorecorder
bezeichnen.
Was bedeutete das für die abgebildete Realität des tobenden Krieges? Bereits 1943 sah es also ganz danach aus, als ob der Zuschauer zwangsläufig und völlig ahnungslos zum willigen Teilnehmer jenes berühmten Spiels "Blinde Kuh" werden sollte, welches man seit Generationen als Ausdruck der totalen Desorientierung kennt? "Wollt ihr den totalen Krieg?!" Oder nur das totale Programm? Ist der historische Fernseh-Apparat eben doch nur die Erfindung eines "umgedrehten" Lügen-Detektors - einer "Wahrheitsmaschine" also, angetrieben von ständig fließenden Realitätspartikeln? Heute steht sicherlich fest, daß die
Fluten der Bilder aus den längst weltweiten, kosmischen Satelliten-Netzen
immer heftiger gegen unsere bis anhin als sicher geltenden Bewußtseins-Türme
schlagen. Wir sollten darauf bestehen, daß unsere Rettung nicht nur
im konsequenten "Zapping" liegt, sondern auch in der Anwendung unserer
individuellen Störsender. Vielleicht ist einer zunehmenden Nivellierung
der Fernseh-Formen und -Inhalte wirklich nur noch mit dem radikalen Griff
nach dem Netzschalter zu entfliehen. Ist die Gleichschaltung der elektronischen
Massenmedien gar systemimmanent? Und ist es nicht sonderbar, daß
mit der explosionsartigen Zunahme der Programme ihre inhaltliche Vielfalt
gleichzeitig schwindet?
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| Der Tagesspiegel 15.6.94
Am Tag, als die Mauer fiel Neu im Kino: "Deutschfieber" von Niklaus Schilling von RALF SCHENK Zunächst ist Abbitte zu leisten. Als
ich "Deutschfieber" sah, voriges Jahr zur Berlinale, war ich erschrocken
und zornig und schrieb mir die Wut aus dem Bauch. Was mochte bloß
in Niklaus Schilling gefahren sein, der bis dato als einer der innovativen
Regisseure des bundesrepublikanischen Kinos galt: mit seinem parodistischen
Melodram "Die Vertreibung aus dem Paradies (1976), dem mythischen Krimi
"Rheingold" (1977) und vor allem dem "Willi-Busch-Report (1979), mit dem
er in die Niederungen der Provinz hinabgestiegen war, in die Redaktionsstuben
eines Zeitungsmannes an der deutsch-deutschen Grenze, der in Ermangelung
realer Sensationen seine Schlagzeilen selbst erfand: "Sechsjähriges
Mädchen sagt Mauerfall voraus" hieß eine von ihnen: damit war
damals die Absurdität auf die Spitze getrieben.
Das Urteil muß revidiert werden: Zwar
gilt die Beschreibung nach wie vor, aber die Methode erweist sich als Absicht,
das Tohuwabohu als Prinzip: Schillings Held, der im "Willi-Busch-Report"
eine aktiver, drängender, vor Einfällen nur so strotzender war,
sieht sich nun in die Strudel der Zeitläufte hinabgerissen, schwimmt
in ihnen, ohne so recht zu wissen, wohin die unfreiwillige Reise führt.
Metaphorischer Kommentar: "Die Historie überfiel ihn mitten ihm Schlaf."
Dem freundlich-naiven Zeitungsmann ergeht es wie den meisten seiner Zeitgenossen,
und zwar aus West und Ost: alle sind überfordert, jeder ist aus dem
Häuschen, niemand zu klaren Gedanken fähig. Aus dem Kessel des
jahrzehntelangen Trotts entweicht nun der Dampf in alle Richtungen. Supermärkte
öffnen sich nachts der östlichen Menschenschwemme. Auf den Marktplätzen
kreisen Trabanten und Mercedes, und noch freuen sich die Besitzer, wenn
es zum Aufprall kommt: Honoratioren beider Seiten nutzen das Getümmel,
um unliebsames Material beiseite zu schaffen: Stasiakten hier, Korruptionsbeweise
dort, wobei sich die Provinzfürsten gegenseitig unterstützen:
Yuppiehafte Marktforscher aus Bonn (!) treiben ihr Unwesen, getreu dem
Motto: "Dichter oder Präsident, die Hauptsache: williger Konsument".
DDR-Grenzsoldaten versammeln sich zu Yogaübungen im Todesstreifen,
und auf dem Wachturm resümiert ein nachdenklicher Posten angesichts
der nahen Wartburg: "Luther hat Gott gedient, ich einem rostigen Zaun."
Am Ende ein Traum: Die aufdringlichen Marktforscher,
die die Menschen zu Robotern degradierten, werden zum Teufel gejagt. Das
Volk entdeckt die Waggons voller Geheimakten und bemächtigt sich ihrer.
Der korrupte Friedheimer Bürgermeister wird ausgebuht, Willi Busch
hält eine Rede auf den "Schutz des Gedächtnisses" und etabliert
eine "Freie Werra-Republik", den dritten deutschen Staat, in dem er selbst
ein gütiger Präsident sein könnte. Der dritte Weg in der
deutschen Provinz, mit Kerzen und Lambada. Eine naive Utopie: Und ein -
wenn auch nur filmisches - Gedankenspiel, ein Gegenentwurf zu den Befürchtungen,
die in "Deutschfieber" artikuliert werden: "Jetzt lachen sie noch überall,
aber wir werden alle krank", sagt die Frau des West-Bürgermeisters
irgendwann am Beginn: Und der Ost-Grenzer am Schluß: "Es wird noch
mächtig Ärger geben mit dieser Republik."
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| Friedrich Wilhelm Murnau - Ein Melancholiker des Films
Herausgegeben von Hans Helmut Prinzler Bertz Verlag Berlin - 2003 Die Murnau-Therapie von Niklaus Schilling Der Brief war vom 6. August und er schien mich auf seine Weise aufzufordern, endlich alles niederzuschreiben, damit es weiter publik würde. Heute steht fest, ohne diese Ereignisse hätte sich weder ein erweitertes Verständnis des Begriffs „Phantom" entwickelt, noch wäre das erste „Phantomschmerzzentrum für audiovisuelle Wahrnehmung" in der Nähe Berlins entstanden. Es war ein ganz bestimmter Dienstag. Und ich beschloß, endlich etwas gegen diese verdammten Schmerzen zu unternehmen. Inzwischen überfallen sie mich nämlich sogar schon vor dem Fernsehschirm. Meine Kinobesuche habe ich längst soweit es geht eingeschränkt, denn gerade im Dunkel des Kinosaals kann ich der plötzlichen Attacken kaum mehr Herr werden. Die Schmerzquelle liegt, wie immer bei einem akuten Anfall, außerhalb meines Körpers, immer präziser ist sie jetzt auf der Leinwand lokalisierbar - sie ist Teil des Filmgeschehens! Es ist zum Verrücktwerden, bis ich voller Panik das Kino verlasse. Es gibt so kaum einen Film, dessen „Ende" ich überhaupt noch gesehen hätte... Schließlich wandte ich mich an einen befreundeten
Psychologen. Vorsichtig wurde mir erläutert, daß meine Attacken
wohl eine spezielle Ausprägung des Phantomschmerz-Phänomens seien,
da ich beim Überschreiten eines bestimmten Bilderreizpegels die Verbindungen
zwischen Innen und Außen - also meinem bereits vorhandenen „Speicher-Inhalt"
und den neu eintreffenden Informationen dem „Speicher-Aushalt", ein wohl
von ihm erfundener Begriff - nicht mehr synchronisieren könne. Auf
dieses „Synchronproblem" würde ich immer dann stoßen, sobald
ich neue Eindrücke mit alten, in meinem Gedächtnis gespeicherten
Erkenntnissen „verkoppeln" wolle.
Die einzige Chance sieht mein Psychologe nur noch in
einer neuen, sehr ungewöhnlichen Therapie - einem Experiment eigentlich.
Doch dieses könne er nicht selbst durchführen. Er sei jedoch
bereit, mich höchstpersönlich zu einem ganz besonderen Kollegen
zu bringen. Wie der Kandidat einer abgewrackten Reality-Show bin ich inzwischen
zu allem bereit.
Entschlossen steige ich
die wenigen Stufen hinab - unter das Grabmal von Murnau! In Erwartung einer
mächtigen Katakombe und sämtlicher Leinwand-Schatten dieser Welt.
Aber im kleinen Gewölbe flackert nur eine elektrische Lampe, immerhin.
Ein paar Stühle stehen herum, wie im Warteraum einer Praxis. Hinter
einer Tür höre ich Geräusche, ein Schleifen und Ziehen.
Flehende und flüsternde Stimmen mischen sich mit dem draußen
unaufhörlich weiter prasselnden Regen. Es wundert mich nicht mehr,
daß nun auch noch das einzige Licht ausfällt. Ich habe zwar
immer noch keine Angst, aber doch größte Zweifel, ob mein Psychologe
zu einer so komplexen Inszenierung überhaupt in der Lage ist. Ich
rufe nach ihm, wie nach dem Regisseur hinter den Kulissen. Keine Antwort
natürlich, auch die Geräusche aus dem anliegenden Raum sind nun
wieder verstummt. Es riecht nach Moder, Feuchtigkeit, Schwamm. Ich bemerke,
wie durchnäßt ich bin.
Nun stehe ich also in
einem riesigen schwarzen Raum, der alle meine Regungen total aufsaugt.
Ich weiß, daß gleich Entscheidendes passiert... Und tatsächlich
explodiert etwas, das heller ist als alle Effekte zuvor: Die Halle ist
wirklich leer! Ein Kurzschluß hat die riesigen Fluter der Lichtbrücken
unter Strom gesetzt. Wabernd breitet sich dichter Nebel aus. Erschöpft
muß ich mich hinlegen, aber ich fühle mich bestens. Als hätte
in diesem Moment mein audiovisueller Speicher ein „Reset" erlebt. Und mein
System damit einen Neustart geschafft, auch mittels eines endgültigen
Abschieds.
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1. Der Schauplatz 50 Kilometer südöstlich von Berlin liegt es: Das ehemalige Oberkommando der Wehrmacht. Noch immer ist der gewaltige Koloß von Geheimnissen umgeben. Vorwiegend unterirdisch angelegt, sollte von hier aus die halbe Welt erobert werden. Während draußen der Krieg tobte, lebten die Generäle und Offiziere mit ihren Familien in einer friedlichen Welt, in Villen und Häusern, umgeben von viel Grün, geradezu idyllisch. Copyright © 2011 VISUAL |
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Last edited may 23, 2011